Ein Streuner (?) im Schnee

Having anxiety and depression is like being scared and tired at the same time. It´s the fear of failure, but no urge to be productive. It´s wanting friends but hate socializing. It´s wanting to be alone, but not wanting to be lonely. It´s feeling everything at once then feeling paralyzingly numb.                                                                                                                                        

Hallo liebes Internettagebuch,

vier Jahre ist es nun beinahe schon her, dass ich zum letzten Mal etwas mit dir geteilt habe. Wahnsinn. Vier Jahre in denen so viel passiert ist. Als ich mich dir zuletzt schreibend gewidmet habe war unser Sohn gerade zur Welt gekommen. Mittlerweile geht er in den Kindergarten, redet genauso gern wie sein Vater und ist längst ein richtiger „Bua“ geworden. Wie gesagt: es ist richtig viel passiert in den vergangenen vier Jahren. Wunderschönes, Unterwartetes, Alltägliches und natürlich, wie das im Leben so ist, auch einiges, das wohl am ehesten mit dem Adjektiv „traurig“ zusammenzufassen ist. Auf jeden Fall zu viel, um es hier und jetzt näher zu betrachten – nicht der richtige Rahmen und auch definitiv für mich gerade nicht der richtige Moment, um zu sehr in der Vergangenheit zu wühlen oder in Erinnerungen zu schwelgen.

Tatsache ist, dass mir in den vergangenen Monaten bzw. Jahren oft die Zeit aber vor allem auch schlichtweg die Muse gefehlt hat, um etwas Vernünftiges mit dir zu teilen. Aber wie du merkst, versuche ich genau das gerade zu ändern und wer weiß, vielleicht bleibt es ja nicht bei diesem einen Text und wir werden in Zukunft wieder regelmäßiger das Vergnügen haben.

Zwischendurch habe ich tatsächlich viele Male mit dem Gedanken gespielt, die Website zu kündigen und das Projekt „Naturbua“ zu den Akten zu legen. Irgendetwas in mir hat sich allerdings stets dagegen gewehrt und ich konnte mich letztlich nicht dazu durchringen. Vielleicht weil ich mir doch innerlich sicher war, eines Tages wieder Lust zu verspüren, meine Gedanken und Erfahrungen in Form dieses Blogs niederzuschreiben.

Nachdem ich jetzt so lange nichts mehr geschrieben habe, fällt es mir jedenfalls gar nicht so leicht, den Wiedereinstieg hinzukriegen. Es schwirren einige Fragen durch meinen Kopf wie „Wo fange ich an“, „Was gehört hierher und was nicht“ und „Wieviel von meinem Seelenleben will ich preisgeben“. Okay. Ich lass das Nachdenken jetzt mal sein und versuch einfach drauf loszuschreiben. Ist im Moment eh nur ein Versuch und wenn ich merke, dass es mich zu sehr stresst oder mir keinen Spaß macht, werde ich das Ganze ohnehin sofort wieder sein lassen.

Also, liebes Tagebuch. Ich werde nicht drum rumkommen, dir zu erzählen, dass das Kalenderjahr 2022 definitiv zu den bislang schwierigsten in meinem Leben gehört. Was genau alles passiert ist und wie sehr sich die Ereignisse zwischenzeitlich auf meine physische und vor allem psychische Verfassung ausgewirkt haben, kann und will ich hier nicht im Detail beschreiben. Nur so viel: im Laufe des vergangenen Jahres hat sich Vieles in meinem Privatleben grundlegend geändert und es gibt eine ganze Reihe Dinge, die es aufzuarbeiten, zu verdauen und vor allem zu akzeptieren gilt. Die gute Nachricht ist: ich bin auf dem richtigen Weg und bin mir mittlerweile sicher, dass ich die schwere Krise des letzten Jahres nicht nur überstehen, sondern letztlich auch nutzen werde, um mich weiterzuentwickeln und somit letztlich gestärkt daraus hervorzugehen.

Eine weitere Positivmeldung: seit Weihnachten habe ich endlich die Kraft und auch die Motivation für Sport und Aktivtäten draußen in der Natur wiedergefunden und damit endete pünktlich zum Jahreswechsel eine ziemlich lange und kräftezehrende Phase, die sich ohne jede Übertreibung nur mit dem Wort Depression zusammenfassen lässt.

Nachdem ich den Januar, sportlich gesehen, größtenteils radelnd auf meinem Rollentrainer oder auf der Yogamatte verbracht hatte, war es dann letzte Woche endlich mal wieder Zeit für einen Ausflug in den, eine Woche vorher doch noch vom Winter heimgesuchten, bayerischen Wald. Die gesamte Autofahrt über verspürte ich eine unheimliche Vorfreude darauf, bei strahlendem Sonnenschein und trockener Kälte um den Gefrierpunkt, den verschneiten Rachel hinaufzuwandern, um dort den Sonnenuntergang zu erleben und anschließend mit Stirnlampe ausgerüstet den Rückweg anzutreten. Die Dandy Warhols laut aufgedreht fuhr ich auf der B85 in Richtung Grafenau und dachte dabei lange über eine Frage nach, die mir vor kurzem eine liebe Freundin, während eines intensiven und spannenden Gespräches, gestellt hatte. Und auch als ich eine halbe Stunde später entlang der Flanitz durch den Schnee stapfte, gingen mir ihre Worte nicht aus dem Kopf: „Bist du a Streuner, Philipp? I glaub du bist a Streuner.“ Ich hatte an diesem Abend Anfang Januar keine Antwort parat, wusste aber, dass ich mir darüber Gedanken machen wollte. Einige Tage später näherte ich mich erstmals der Antwort an, indem ich den Begriff Streuner zunächst einfach in das Google Suchfeld meines Smartphones eintippte:

Streuner, Substantiv, maskulin [der] – jemand der [herum]streunt, keinen festen Wohnsitz hat, ziellos von Ort zu Ort zieht

Besonders der letzte Teil der Begriffserklärung war mir im Gedächtnis geblieben und so verbrachte ich den größten Teil des zweistündigen Aufstiegs von Klingenbrunn Bahnhof zum Gipfel des Rachels damit, mich zu fragen, ob ich denn wirklich jemand bin, der „ziellos von Ort zu Ort zieht“ und wenn ja, warum. Tatsache ist, dass ich mich ohne Frage als jemand bezeichnen würde, der sich seit mittlerweile gut zwei Jahrzehnten in vielen entscheidenden Bereichen des Lebens auf der Suche befindet. Doch auch wenn ich mich (noch) schwer damit tue, meine Ziele im Leben konkret zu erkennen bzw. zu benennen, würde ich mich nicht als „ziellos“ bezeichnen. „Ruhelos“ trifft es glaube ich eher. Ich weiß, dass ich nach etwas suche, aber ich weiß noch nicht genau was und erst recht nicht, wo und wie es letztlich zu finden ist. Gut möglich, dass ich deshalb tatsächlich seit dem Teenageralter „umherstreune“, in der Hoffnung endlich anzukommen. Ich weiß nicht, ob das verständlich ist, liebes Tagebuch, aber besser kann ich´s im Moment nicht in Worte fassen.

Vielleicht liebe ich auch deshalb Wanderungen wie die am vergangenen Donnerstag unter anderem so sehr, weil ich dabei ein konkretes Ziel verfolge, von dem ich sicher bin, dass ich es zeitnah erreichen werde. Jeder, der gerne in der Natur unterwegs ist, weiß, welche Glücksgefühle das Erreichen eines Wanderziels, speziell eines Berggipfels, in einem auslösen kann. Und so stand ich zwei Stunden nach meinem Start am Wanderparkplatz Klingenbrunn Bahnhof oben am Rachel und genoss den faszinierenden Blick, den mir die untergehende Sonne über die verschneite Landschaft bot. Wie erwartet hatte ich den Gipfel des höchsten Berges im Nationalpark Bayerischer Wald (1453 m) so kurz vor dem Einbruch der Dunkelheit ganz für mich allein, was das Erlebnis in dem Moment selbstverständlich noch intensiver machte.

Lange blieb ich allerdings nicht da oben, denn jetzt, wo die Sonne kurz davor war, am Horizont zu verschwinden, wurde es doch deutlich kälter. Und so begann ich nach einem Kleidungswechsel, einer kleinen Brotzeit und ein paar Fotos den Abstieg zum Parkplatz Gfäll. Dort angekommen war aus der Dämmerung längst dunkle Nacht geworden und so folgte ich im Schein meiner Stirnlampe der schneebedeckten Straße (aktuell wegen Sanierung für Autos gesperrt) in Richtung Spiegelau. Nach etwa zwei Kilometern führt dann ein mit Holzstegen versehener Weg noch einmal quer durch den Wald zurück nach Klingenbrunn Bahnhof. Wie sich herausstellte war hier in den Tagen zuvor offensichtlich niemand gegangen und so musste ich, lediglich mit Grödels ausgestattet (die Schneeschuhe lagen im Kofferraum meines Autos / super Philipp) noch eine knappe halbe Stunde durch etwa einen halben Meter tiefen, lediglich an der Oberfläche gefrorenen Schnee kämpfen – was jetzt gegen Ende meiner gut vierstündigen Wanderung zwar echt anstrengend war, aber irgendwie auch richtig Spaß machte.  

Nachts, ganz allein durch den verschneiten Nationalpark zu wandern ist definitiv etwas Spezielles. Man braucht, wie ich finde, ein wenig Zeit, um sich an die Umgebung, die Geräusche und das Gefühl, allein in der Dunkelheit im Wald zu sein, zu gewöhnen. Doch bei allem anfänglichen Unbehagen hat dieses Verlassen der Komfortzone auch etwas unheimlich Befreiendes und Echtes. Man spürt zweifelsohne ein wenig Unsicherheit aber vor allem spürt man meiner Ansicht nach sich selbst. Und so überkam mich am Ende dieser Tour noch einmal ein unheimliches Glücksgefühl. Denn als ich vor einigen Monaten mitten in der schwersten Krise meines bisherigen Lebens steckte, konnte ich das in mir vorherrschende Gefühl nur mit „wie betäubt/gelähmt“, oder „wie unter einem Schleier“ beschreiben. Ich konnte mich die meiste Zeit selbst nicht mehr spüren und lief wie ferngesteuert durch die Gegend. An diese extreme Zeit im Herbst des vergangenen Jahres musste ich denken, als ich die letzten Meter bis Klingenbrunn Bahnhof auf verschneiten Bahngleisen zurücklegte, dankbar und glücklich über die Hoffnung oder vielmehr die Erkenntnis, dass ich gerade dabei bin, diese unheimlich schwierige Phase Schritt für Schritt hinter mir zu lassen.

Bis bald. Dein Naturbua.

Daten zur Tour: Streckenlänge: ca. 12 bis 15 km (hatte meine Sportuhr nicht dabei)  Anstieg: ca 600 hm  Startpunkt/Endpunkt: Wanderparkplatz Klingenbrunn Bahnhof  Highlights: Flanitz, Rachelgipfel

Tipp des Tages: Die Stirnlampe für ein paar Minuten ausschalten und sich in der Dunkelheit selber spüren!

2 Gedanken zu “Ein Streuner (?) im Schnee

  1. Hallo! Ich hoffe sehr, dass du weiterschreiben wirst, ich habe zwar noch nicht alle Einträge gelesen, aber ist bei mir schon als „lesenswert“ verbucht 🙂 Außerdem passen dein zweiter (?) Eintrag und dieser hier schon irgendwie zusammen – Stichwort Schneeschuhe. Alles Gute!

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    1. Avatar von Philipp Knab Philipp Knab

      Vielen Dank für das schöne Kompliment. ☺️ Werd sicher immer wieder mal was schreiben. Ja, das mit den Schneeschuhen muss ich mir echt mal merken. Damals dachte ich nicht, dass noch so viel Schnee liegt und dieses Mal dachte ich er wäre fest genug gefroren. Rauf war das auch so 🙂

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