Mit dem Bike zum Hochmoor

Liebes Internettagebuch,

Schon während meiner Winterwanderung durch die Schachten und Filze des Nationaparks Bayerischer Wald Ende März, war mir klar geworden, dass ich sobald wie möglich dorthin zurückkommen musste, um dieses ganz besondere Fleckchen Erde auch einmal schneefrei zu erleben. Gestern schien mir der richtige Tag dafür zu sein und so machte ich mich am Morgen auf den Weg Richtung Frauenau. Da ich nicht so viel Lust hatte, dieselbe Wanderung zum zweiten Mal innerhalb weniger Wochen zu unternehmen, beschloss ich, nicht nur einen anderen Startort zu wählen, sondern diesmal eine Radtour daraus zu machen und den Weg hinauf zum Hochplatteau mit dem Mountainbike zurückzulegen.

Vom hochsommerlichen Wetter tagszuvor verwöhnt, hatte ich zunächst gar nicht dran gedacht, mir den Wetterbericht genau anzuschauen und so war ich doch etwas überrascht, als ich bei dicht bewölktem Himmel und böigem Wind mit meinem Fahrrad an der Hand zum Auto ging. Zwar hatte ich am Abend zuvor ein langärmeliges Unterhemd und auch meine Regenjacke in den Rucksack gepackt, hatte jedoch nicht wirklich damit gerechnet, beides am nächsten Tag tatsächlich zu brauchen. Während ich also der B85 in Richtung Grafenau/Spiegelau folgte, ging mein Blick immer wieder nach oben in den Himmel, der vor allem über dem Rachel immer dunkler und wolkenverhangener zu werden schien. Nachdem ich aber in der Vergangenheit schon mehrfach festgestellt hatte, dass der bayerische Wald bei jeder Art von Witterung seine ganz besondere Faszination auf mich ausübt, beschloss ich, mir die Vorfreude auf meinen Ausflug davon nicht trüben zu lassen.

Als ich am Parkplatz Trinkwassertalsperre (Frauenau) ankam, wehte der Wind dann tatsächlich unerwartet stark. Auch die Temperatur war mittlerweile auf elf Grad gesunken und als ich mich auf mein Fahrrad setzte und losfuhr, war ich wirklich froh, warme Oberteile mitgenommen zu haben. Nach einem kurzen Teerstraßenstück bergauf, erreichte ich den Stausee. Und siehe da: während ich am Südufer entlang radelte, lösten sich die Wolkenfelder langsam auf und es wurde wärmer. Mit der sich immer mehr durchsetzenden Sonne im Rücken, begann ich den relativ langen Anstieg hinauf zum Hochschachten und erreichte etwa eine halbe Stunde später den Fahrradparkplatz am Rande der Bergwiese, bei deren Durchquerung vor vier Wochen ich mir noch gewünscht hatte, ich hätte die Schneeschuhe nicht im Kofferraum meines Autos gelassen.

Als ich wenige Minuten später, bei mittlerweile strahlendem Sonnenschein, am unteren Ende des waldfreien Hangs ankam, wurde mir einmal mehr die Schönheit und die Kraft der Natur bewusst und warum sie mich derart fasziniert. Innerhalb eines Monats hatte sich das karge, verschneite Feld und die wenigen kahlen Bäume darin in eine bunte, artenreiche und wirklich atemberaubende Frühlingslandschaft verwandelt. Unter einem blauweißen Himmel wanderte ich längs hinauf durch den Schachten, über Zwergsträucher, vorbei an mystischen Baumruinen, denen ich bei meinem Besuch Ende März niemals zugetraut hätte, dass sie wenige Wochen später abertausende hellgrüne Blätter tragen würden. Unglaublich schön.

Voller Vorfreude auf den Rest des Erlebnisrundweges „Wolf“ , der mich am Ende zurück zum Fahrradparkplatz führen sollte, verließ ich den Schachten und durchquerte auf Holzbohlen den Latschenfilz. Auch hier dasselbe faszinierende Bild: die Frühlingssonne hatte das Hochmoor in den vergangenen vier Wochen von den Schneemassen befreit und zum Leben erweckt. Unzählige Ameisen beim Bau ihrer einzigartigen Hügel, etliche Eidechsen, die auf den Holzplanken in der Sonne badeten, sowie mindestens ein Specht, der in der Nähe emsig gegen einen Stamm hämmerte; dazu die charakteristische Vegetation der Filze, bestehend aus verschiedenen Moosen, Beeren und den namensgebenden Latschen (kriechende Form der Bergkiefer). Am gleichnamigen See angekommen, entschied ich mich, eine Pause einzulegen, um Brotzeit zu machen, mich ein paar Minuten auf den Holzsteg zu legen und die Ruhe und Schönheit dieses Ortes zu genießen.

Noch während ich so ganz allein da lag, über die Moorlandschaft und das Wasser in den Himmel schaute und dabei dem Specht zuhörte, der weiterhin unermüdlich in seinem ganz eigenen Rhythmus gegen das Holz klopfte, musste ich an ein Gedicht denken, auf das ich einige Tage zuvor gestoßen war und dessen Bedeutung sich mir in diesem Moment ziemlich deutlich erschloss:

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Ich selbst bin 1984 in Freyung geboren worden und hab` mit meiner Familie bis zu meinem vierten Lebensjahr in Grafenau gewohnt. In den Jahren nach unserem Umzug nach Aicha vorm Wald besuchten wir aber weiterhin regelmäßig Verwandte, Freunde meiner Eltern und ehemalige Nachbarn im Landkreis FRG oder unternahmen Wanderungen in der Bayerwaldregion. Ich erinner mich noch gut, dass ich von diesen Ausflügen in Richtung „Woid“ in jungen Jahren meistens nicht sonderlich begeistert war. Zu fade erschien mir diese Gegend, zu einsam, zu abgelegen, zu weit weg von allem, was mir zu dieser Zeit wichtig war. Heute jedoch bin ich unendlich froh und dankbar darüber, den bayerischen Wald in den letzten Jahren für mich wieder neu entdeckt zu haben und nach und nach die „Sprache der Bäume“ wieder besser zu verstehen. Zumal diese Entdeckungsreise, trotz mittlerweile zahlreicher Bayerwaldtouren, auch noch lange nicht vorbei ist. So bin ich gestern beispielsweise zum ersten Mal überhaupt auf den Nationalpark-Radwegen unterwegs gewesen. Und auch in Sachen Wandern gibt es noch viele Strecken, die ich bislang noch nie ausprobiert habe.

Doch zurück zu meiner gestrigen Radtour/Wanderung: nach meiner Mittagsspause am See verließ ich den Filz über den Kohlschachten und kehrte nach einer etwa zweieinhalb Kilometer langen Rundweg-Wanderung schließlich zu meinem Fahrrad zurück. Nach einer kurzen Abfahrt Richtung Buchenau, beschloss ich die Tour noch ein wenig zu verlängern und so folgte ich dem Radweg R6 an der nächsten Abzweigung in Richtung Falkenstein. Wellig ging es anschließend weiter. Mehrere Male bot sich mir ein toller Blick über die Baumkronen hinweg, rüber zum Arbergipfel. Ich entschied mich, den Falkenstein ein andermal hochzuradeln und nahm stattdessen die schmale Teerstraße hinunter nach Scheuereck. Nach einer rasanten Abfahrt machte ich dort noch einen kurzen Abstecher ins Hirschgehege, ehe ich die letzten, größtenteils flachen Kilometer nach Buchenau in Angriff nahm. Von dort ging es zurück zur Trinkwassertalsperre Frauenau und zu meinem Ausgangspunkt, dem Parkplatz unterhalb Deutschlands höchstem Staudamm.

Obwohl ich die Schachten und Filze erst vor wenigen Wochen durchquert hatte, stellte ich im Auto zufrieden fest, dass ich gerade eine völlig andere Welt mit einer von der Natur komplett veränderten Flora (und zum Teil auch Fauna) hatte erleben dürfen. Wie wird all das wohl im Hochsommer oder gar im Herbst aussehen? Ich bin gespannnt …

Dein Naturbua

 

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Daten zur Tour: Streckenlänge 40 km (plus 2,5 km Rundweg „Wolf“)  Anstieg: 1050 hm  Startpunkt/Endpunkt: Parkplatz Trinkwassertalsperre (Frauenau)  Highlights: Stausee, Hochschachten, Latschenfilz, Latschensee, Kohlschachten, Rothirschgehege Scheuereck  Schwierigkeitsgrad: mittel bis schwer (Strecke kann auf ca. die Hälfte verkürzt werden, ebenso die Höhenmeter -> vom Fahrradparkplatz Hochschachten direkt nach Buchenau)

Tipp des Tages: Nationalpark-App runterladen (informativ und gut gemacht)

 

 

 

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