Vediamo

Liebes Internettagebuch,

Heute finde ich endlich die Zeit, um Dir von einer wunderschönen Radtour zu erzählen, die ich bereits am vergangenen Wochenende zusammen mit Umberto unternommen habe und die mir aus verschiedenen Gründen als eine außergewöhnliche Tour in Erinnerung bleiben wird. Sie führte uns, nachdem wir gegen Mittag in Aicha gestartet waren, unter anderem nach Schilding, Nußbaum, Pirking, Pretz, Enzersdorf, Almunzen, Mitterling, München, Auberg, Voglod, Atzldorf und Rappenhof. Alles Namen, die den meisten vermutlich nicht viel sagen werden. Wundern tut mich das nicht, handelt es sich dabei doch ausnahmslos um kleine, teilweise recht abgelegene Weiler bzw. Ortsteile, in die man sich im Normalfall nur äußerst selten verirrt. Sie bestehen aus ein paar wenigen Häusern oder Bauernhöfen, sind oftmals nur über schmale Teerstraßen zu erreichen und wenn nicht zufällig Bekannte oder Verwandte dort wohnen, gibt es jetzt auch keinen auf Anhieb ersichtlichen Grund, jemals mit dem Auto dort hin zu fahren. Mit dem Fahrrad jedoch lohnt sich ein Besuch dieser idyllisch gelegenen Ortschaften allemal. Aber schön der Reihe nach!

Normalerweise, wenn ich mich zu einer Runde mit dem Rennrad entschließe, dann überlege ich schon zu Hause, wie weit ich an diesem Tag ungefähr fahren möchte, wie lange ich etwa unterwegs sein will und ob es sich vom Profil her eher um eine flache (bei uns ohnehin kaum möglich), hügelige oder bergige Tour handeln soll. In den vergangenen Jahren bin ich wirklich viele Kilometer in den Landkreisen Passau, Deggendorf, Freyung-Grafenau oder auch im Bezirk Schärding herumgeradelt, sodass ich meine Ausflüge in der Gegend zwischen dem oberösterreichischen Sauwald und dem bayerischen Wald, was Kilometer, Höhenmeter und Zeitaufwand angeht, relativ gut einschätzen und vorausplanen kann. Freilich ist es oftmals recht nützlich, zu wissen, wie lange eine Fahrt in etwa dauern und wann man wieder zurück sein wird und dennoch würde ich mir wünschen, viel öfter einfach mal ohne konkretes Ziel loszufahren, um dann erst während der Fahrt zu sehen, wohin es mich verschlägt.

Und genau aus diesem Grund gehe ich so gerne mit Umberto Fahrradfahren. Im Normalfall verabreden wir uns sehr spontan zu einer gemeinsamen Runde. Und wenn wir dann, wie es sich für „Italiener“ gehört, mindestens 30 bis 60 Minuten nach dem verabredeten Zeitpunkt langsam losradeln (ich bin mindestens genauso oft schuld an der Verspätung wie er), haben wir meist noch absolut keinen Plan, wo es eigentlich genau hingehen soll. Wenn ich nachfrage, kommt von meinem neapolitanischen Freund in der Regel nur ein Achselzucken als Reaktion, gefolgt von einem zwanglosen: „Vediamo“. Die italienische Version des bayerischen „Schau ma moi“ prägt dann in der Folge die Streckenauswahl der gesamten Tour und so lief es auch am vergangenen Wochenende.

Es war unsere erste gemeinsame Runde mit dem Rennrad in diesem Jahr und somit war mir von vornherein klar, dass wir an diesem Tag nicht besonders schnell unterwegs sein würden. Und das war auch völlig in Ordnung so. Vielleicht lag es an eben dieser recht überschaubaren Geschwindigkeit, vielleicht an dem langen, schneereichen Winter, den wir heuer hatten oder aber an der Tatsache, dass ich vor kurzem ja krankheitsbedingt eine kleine Zwangspause in Sachen Radfahren hatte einlegen müssen. In jedem Fall kann ich mich lange nicht an einen Ausflug in die Natur erinnern, bei dem ich alles um mich herum so ungefiltert und bewusst wahrgenommen habe. Egal ob Gerüche, Sonnenstrahlen oder Fahrtwind, unterschiedliche Tiere auf den Wiesen und Weiden neben der Straße, Anwesen und Gärten an denen wir vorbeirollten, oder zahlreiche Blicke über Hügel und Felder – alles kam mir an diesem Tag wahnsinnig lebendig, farbenfroh, sehenswert und besonders schön vor. Und obwohl es sich, was die Temperaturen anging, am Wochenende so anfühlte, als wäre auf den Winter heuer sofort der Hochsommer gefolgt, schien es, als wolle die Natur in diesen Tagen demonstrativ alles zur Schau stellen, was den Frühling in meinen Augen so einzigartig macht. Blätter und Gräser, die in verschiedenen  Grüntönen leuchten, kleine Rinnsale und Bäche, die, mit Schmelzwasser angefüllt, neben der Straße dahinplätschern, fröhliches Vogelgezwitscher, intensive Gerüche und vor allem unzählige Bäume, Sträucher und Blumen, die in den unterschiedlichsten Farben blühen.

Das Schönste daran aber war, all diese Dinge derart intensiv und uneingeschränkt wahrzunehmen. Schon öfter hatte ich in letzter Zeit das Gefühl, in den vergangenen Jahren ein Stück weit aus den Augen verloren zu haben, worum es eigentlich geht, wenn man zu Fuß oder auf dem Rad in der Natur unterwegs ist. Ohne es zu merken, habe ich dabei an manchen Tagen nur noch Kilometer runtergerissen, mich viel zu sehr auf Zahlen und Trainingsdaten konzentriert und schon während der Fahrt hauptsächlich daran gedacht, die Runde anschließend bei Strava (soziales Netzwerk zum internetbasierten Tracking sportlicher Aktivitäten) hochzuladen. Natürlich darf und sollte  jeder, der draußen aktiv ist, für sich ganz persönlich entscheiden, was sie/ihn motiviert. Ich denke, nichts spricht gegen die Verwendung technischer Hilfsmittel, um für sich selbst zu erfahren, wie weit man gerade geradelt oder gewandert ist. Bedenklich finde ich lediglich die enorme Bedeutung, die wir diesen Dingen mittlerweile beimessen und die Abhängigkeit in die wir uns damit begeben. Ich für meinen Teil habe entschieden, dass es höchste Zeit ist, mich nicht länger von Smartphone-Apps wie Strava oder Runtastic und dem daraus resultierenden Vergleich mit anderen unter Druck setzen und von der ursprünglichen Einfachheit, Unbekümmertheit und Schönheit einer Radtour oder einer Wanderung ablenken zu lassen.

Am Samstag jedenfalls ging es uns nicht im Geringsten darum, irgendwann, irgendwo anzukommen und schon gar nicht mit der schnellstmöglichen Durchschnittsgeschwindigkeit. Wir konnten es einfach voll und ganz genießen, mit dem Rad draußen unterwegs zu sein und wählten dabei, so oft es nur ging, unbefahrene Nebenstraßen. Umberto und mich verbindet in diesen Momenten tatsächlich eine Art kindlicher Entdeckerdrang, über den wir beide oftmals schmunzeln müssen. An Kreuzungen oder Abzweigungen entscheiden wir uns meist einfach für den Weg, den wir beide (oder zumindest einer von uns) zuvor noch nie geradelt sind (ist). Speziell beim Mountainbiken hat es uns auf diese Weise schon an ganz besondere, abgelegene und wirklich faszinierende Plätze verschlagen. Am Wochenende landeten wir  nach etwa 30 Kilometern über „Umwege“ in Fürsteneck, wo wir uns eine Pause gönnten, um das gleichnamige Schloss anzuschauen. Über die Schrottenbaummühle gelangten wir anschließend in Tittling auf den Donau-Ilz-Radweg und folgten diesem bis nach Nammering. Von dort ging es zurück nach Aicha.

Vorgestern entschied ich mich, angetrieben von den Erlebnissen am Samstag, dasselbe Prinzip für eine kurze Solo-Tour nach Österreich anzuwenden und so verließ ich die Passauer Innstadt in Richtung Ingling, um anschließend, etwa auf Höhe der Uni, der steilen Straße hinauf zum Kloster Hamberg zu folgen. Noch nie zuvor hatte ich diesen Berg in Angriff genommen. Zwei Stunden später hatte ich nicht nur eine völlig neue Strecke nach Wernstein entdeckt, sondern war gut 50 Kilometer kreuz und quer auf Güterwegen und schmalen Straßen durch den Sauwald geradelt. Klar war nur, dass ich irgendwann wieder in Passau ankommen würde, dazwischen wollte ich einfach möglichst viel Neues ausprobieren und die Zeit auf dem Fahrrad genießen. Ein wirklich tolles Gefühl, kann ich Dir sagen.

Dein Naturbua

 

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Daten zur Tour: Streckenlänge: 53 km  Anstieg: 1000 hm  Startpunkt/Endpunkt: Aicha v. Wald  Highlights: zahlreiche kleine Ortschaften, abwechslungsreiches Profil, Ilzüberquerungen, Schloss Fürsteneck  Schwierigkeitsgrad: mittel bis schwer (relativ viele Höhenmeter)

Tipp des Tages: öfter mal neue, unbekannte Wege gehen!

2 Gedanken zu “Vediamo

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