Ein Streuner (?) im Schnee

Having anxiety and depression is like being scared and tired at the same time. It´s the fear of failure, but no urge to be productive. It´s wanting friends but hate socializing. It´s wanting to be alone, but not wanting to be lonely. It´s feeling everything at once then feeling paralyzingly numb.                                                                                                                                        

Hallo liebes Internettagebuch,

vier Jahre ist es nun beinahe schon her, dass ich zum letzten Mal etwas mit dir geteilt habe. Wahnsinn. Vier Jahre in denen so viel passiert ist. Als ich mich dir zuletzt schreibend gewidmet habe war unser Sohn gerade zur Welt gekommen. Mittlerweile geht er in den Kindergarten, redet genauso gern wie sein Vater und ist längst ein richtiger „Bua“ geworden. Wie gesagt: es ist richtig viel passiert in den vergangenen vier Jahren. Wunderschönes, Unterwartetes, Alltägliches und natürlich, wie das im Leben so ist, auch einiges, das wohl am ehesten mit dem Adjektiv „traurig“ zusammenzufassen ist. Auf jeden Fall zu viel, um es hier und jetzt näher zu betrachten – nicht der richtige Rahmen und auch definitiv für mich gerade nicht der richtige Moment, um zu sehr in der Vergangenheit zu wühlen oder in Erinnerungen zu schwelgen.

Tatsache ist, dass mir in den vergangenen Monaten bzw. Jahren oft die Zeit aber vor allem auch schlichtweg die Muse gefehlt hat, um etwas Vernünftiges mit dir zu teilen. Aber wie du merkst, versuche ich genau das gerade zu ändern und wer weiß, vielleicht bleibt es ja nicht bei diesem einen Text und wir werden in Zukunft wieder regelmäßiger das Vergnügen haben.

Zwischendurch habe ich tatsächlich viele Male mit dem Gedanken gespielt, die Website zu kündigen und das Projekt „Naturbua“ zu den Akten zu legen. Irgendetwas in mir hat sich allerdings stets dagegen gewehrt und ich konnte mich letztlich nicht dazu durchringen. Vielleicht weil ich mir doch innerlich sicher war, eines Tages wieder Lust zu verspüren, meine Gedanken und Erfahrungen in Form dieses Blogs niederzuschreiben.

Nachdem ich jetzt so lange nichts mehr geschrieben habe, fällt es mir jedenfalls gar nicht so leicht, den Wiedereinstieg hinzukriegen. Es schwirren einige Fragen durch meinen Kopf wie „Wo fange ich an“, „Was gehört hierher und was nicht“ und „Wieviel von meinem Seelenleben will ich preisgeben“. Okay. Ich lass das Nachdenken jetzt mal sein und versuch einfach drauf loszuschreiben. Ist im Moment eh nur ein Versuch und wenn ich merke, dass es mich zu sehr stresst oder mir keinen Spaß macht, werde ich das Ganze ohnehin sofort wieder sein lassen.

Also, liebes Tagebuch. Ich werde nicht drum rumkommen, dir zu erzählen, dass das Kalenderjahr 2022 definitiv zu den bislang schwierigsten in meinem Leben gehört. Was genau alles passiert ist und wie sehr sich die Ereignisse zwischenzeitlich auf meine physische und vor allem psychische Verfassung ausgewirkt haben, kann und will ich hier nicht im Detail beschreiben. Nur so viel: im Laufe des vergangenen Jahres hat sich Vieles in meinem Privatleben grundlegend geändert und es gibt eine ganze Reihe Dinge, die es aufzuarbeiten, zu verdauen und vor allem zu akzeptieren gilt. Die gute Nachricht ist: ich bin auf dem richtigen Weg und bin mir mittlerweile sicher, dass ich die schwere Krise des letzten Jahres nicht nur überstehen, sondern letztlich auch nutzen werde, um mich weiterzuentwickeln und somit letztlich gestärkt daraus hervorzugehen.

Eine weitere Positivmeldung: seit Weihnachten habe ich endlich die Kraft und auch die Motivation für Sport und Aktivtäten draußen in der Natur wiedergefunden und damit endete pünktlich zum Jahreswechsel eine ziemlich lange und kräftezehrende Phase, die sich ohne jede Übertreibung nur mit dem Wort Depression zusammenfassen lässt.

Nachdem ich den Januar, sportlich gesehen, größtenteils radelnd auf meinem Rollentrainer oder auf der Yogamatte verbracht hatte, war es dann letzte Woche endlich mal wieder Zeit für einen Ausflug in den, eine Woche vorher doch noch vom Winter heimgesuchten, bayerischen Wald. Die gesamte Autofahrt über verspürte ich eine unheimliche Vorfreude darauf, bei strahlendem Sonnenschein und trockener Kälte um den Gefrierpunkt, den verschneiten Rachel hinaufzuwandern, um dort den Sonnenuntergang zu erleben und anschließend mit Stirnlampe ausgerüstet den Rückweg anzutreten. Die Dandy Warhols laut aufgedreht fuhr ich auf der B85 in Richtung Grafenau und dachte dabei lange über eine Frage nach, die mir vor kurzem eine liebe Freundin, während eines intensiven und spannenden Gespräches, gestellt hatte. Und auch als ich eine halbe Stunde später entlang der Flanitz durch den Schnee stapfte, gingen mir ihre Worte nicht aus dem Kopf: „Bist du a Streuner, Philipp? I glaub du bist a Streuner.“ Ich hatte an diesem Abend Anfang Januar keine Antwort parat, wusste aber, dass ich mir darüber Gedanken machen wollte. Einige Tage später näherte ich mich erstmals der Antwort an, indem ich den Begriff Streuner zunächst einfach in das Google Suchfeld meines Smartphones eintippte:

Streuner, Substantiv, maskulin [der] – jemand der [herum]streunt, keinen festen Wohnsitz hat, ziellos von Ort zu Ort zieht

Besonders der letzte Teil der Begriffserklärung war mir im Gedächtnis geblieben und so verbrachte ich den größten Teil des zweistündigen Aufstiegs von Klingenbrunn Bahnhof zum Gipfel des Rachels damit, mich zu fragen, ob ich denn wirklich jemand bin, der „ziellos von Ort zu Ort zieht“ und wenn ja, warum. Tatsache ist, dass ich mich ohne Frage als jemand bezeichnen würde, der sich seit mittlerweile gut zwei Jahrzehnten in vielen entscheidenden Bereichen des Lebens auf der Suche befindet. Doch auch wenn ich mich (noch) schwer damit tue, meine Ziele im Leben konkret zu erkennen bzw. zu benennen, würde ich mich nicht als „ziellos“ bezeichnen. „Ruhelos“ trifft es glaube ich eher. Ich weiß, dass ich nach etwas suche, aber ich weiß noch nicht genau was und erst recht nicht, wo und wie es letztlich zu finden ist. Gut möglich, dass ich deshalb tatsächlich seit dem Teenageralter „umherstreune“, in der Hoffnung endlich anzukommen. Ich weiß nicht, ob das verständlich ist, liebes Tagebuch, aber besser kann ich´s im Moment nicht in Worte fassen.

Vielleicht liebe ich auch deshalb Wanderungen wie die am vergangenen Donnerstag unter anderem so sehr, weil ich dabei ein konkretes Ziel verfolge, von dem ich sicher bin, dass ich es zeitnah erreichen werde. Jeder, der gerne in der Natur unterwegs ist, weiß, welche Glücksgefühle das Erreichen eines Wanderziels, speziell eines Berggipfels, in einem auslösen kann. Und so stand ich zwei Stunden nach meinem Start am Wanderparkplatz Klingenbrunn Bahnhof oben am Rachel und genoss den faszinierenden Blick, den mir die untergehende Sonne über die verschneite Landschaft bot. Wie erwartet hatte ich den Gipfel des höchsten Berges im Nationalpark Bayerischer Wald (1453 m) so kurz vor dem Einbruch der Dunkelheit ganz für mich allein, was das Erlebnis in dem Moment selbstverständlich noch intensiver machte.

Lange blieb ich allerdings nicht da oben, denn jetzt, wo die Sonne kurz davor war, am Horizont zu verschwinden, wurde es doch deutlich kälter. Und so begann ich nach einem Kleidungswechsel, einer kleinen Brotzeit und ein paar Fotos den Abstieg zum Parkplatz Gfäll. Dort angekommen war aus der Dämmerung längst dunkle Nacht geworden und so folgte ich im Schein meiner Stirnlampe der schneebedeckten Straße (aktuell wegen Sanierung für Autos gesperrt) in Richtung Spiegelau. Nach etwa zwei Kilometern führt dann ein mit Holzstegen versehener Weg noch einmal quer durch den Wald zurück nach Klingenbrunn Bahnhof. Wie sich herausstellte war hier in den Tagen zuvor offensichtlich niemand gegangen und so musste ich, lediglich mit Grödels ausgestattet (die Schneeschuhe lagen im Kofferraum meines Autos / super Philipp) noch eine knappe halbe Stunde durch etwa einen halben Meter tiefen, lediglich an der Oberfläche gefrorenen Schnee kämpfen – was jetzt gegen Ende meiner gut vierstündigen Wanderung zwar echt anstrengend war, aber irgendwie auch richtig Spaß machte.  

Nachts, ganz allein durch den verschneiten Nationalpark zu wandern ist definitiv etwas Spezielles. Man braucht, wie ich finde, ein wenig Zeit, um sich an die Umgebung, die Geräusche und das Gefühl, allein in der Dunkelheit im Wald zu sein, zu gewöhnen. Doch bei allem anfänglichen Unbehagen hat dieses Verlassen der Komfortzone auch etwas unheimlich Befreiendes und Echtes. Man spürt zweifelsohne ein wenig Unsicherheit aber vor allem spürt man meiner Ansicht nach sich selbst. Und so überkam mich am Ende dieser Tour noch einmal ein unheimliches Glücksgefühl. Denn als ich vor einigen Monaten mitten in der schwersten Krise meines bisherigen Lebens steckte, konnte ich das in mir vorherrschende Gefühl nur mit „wie betäubt/gelähmt“, oder „wie unter einem Schleier“ beschreiben. Ich konnte mich die meiste Zeit selbst nicht mehr spüren und lief wie ferngesteuert durch die Gegend. An diese extreme Zeit im Herbst des vergangenen Jahres musste ich denken, als ich die letzten Meter bis Klingenbrunn Bahnhof auf verschneiten Bahngleisen zurücklegte, dankbar und glücklich über die Hoffnung oder vielmehr die Erkenntnis, dass ich gerade dabei bin, diese unheimlich schwierige Phase Schritt für Schritt hinter mir zu lassen.

Bis bald. Dein Naturbua.

Daten zur Tour: Streckenlänge: ca. 12 bis 15 km (hatte meine Sportuhr nicht dabei)  Anstieg: ca 600 hm  Startpunkt/Endpunkt: Wanderparkplatz Klingenbrunn Bahnhof  Highlights: Flanitz, Rachelgipfel

Tipp des Tages: Die Stirnlampe für ein paar Minuten ausschalten und sich in der Dunkelheit selber spüren!

„Kopf aus, Herz an!“

Als der kleine Prinz einschlief, nahm ich ihn auf meine Arme und setzte den Weg fort. Ich war bewegt. Es schien mir, als trüge ich ein zerbrechliches Juwel. Es schien mir, als gäbe es nichts Zerbrechlicheres auf der Erde. Im Licht des Mondscheins betrachtete ich seine blasse Stirn, seine geschlossenen Augen und seine im Wind zitternden Locken und sagte mir: „Was ich hier sehe, ist nur eine Hülle. Das Eigentliche ist unsichtbar …“ Seine leicht geöffneten Lippen zeichneten ein halbes Lächeln. Ich sagte mir noch: „Was mich so sehr an diesem verschlafenen kleinen Prinzen bewegt, ist seine Treue zu einer Blume, es ist das Bild einer Rose, das ihn durchscheint wie die Flamme einer Lampe, sogar wenn er schläft …“ Da kam er mir noch zerbrechlicher vor. Man muss die Lampen schützen, denn ein Windstoß kann sie auslöschen … Antoine de Saint-Exupéry

Oh je, liebes Internettagebuch,

jetzt ist es wirklich schon sehr lange her, dass ich dir von einem meiner Ausflüge in die Natur berichtet habe. Was keinesfalls bedeutet, dass ich während der Wintermonate nicht draußen unterwegs gewesen wäre oder gar, dass die Unternehmungen es nicht wert gewesen wären, davon zu erzählen. Um ehrlich zu sein: es fehlte mir seit dem Spätherbst des vergangenen Jahres oftmals schlicht an ausreichend Motivation und Muse, um mich im Anschluss an eine Schneeschuhwanderung an den Laptop zu setzen und das Erlebte niederzuschreiben. Zu Beginn des Winters habe ich es noch ein paar Mal probiert. Hab´ versucht meine Gedanken zu ordnen und anschließend angefangen zu schreiben, dann aber jedes Mal enttäuscht festgestellt, dass es einfach nicht so recht klappen wollte und dass ich das, was mich während der Wanderung beschäftigt und worüber ich nachgedacht hatte, nicht entsprechend in Worte fassen konnte. Oft hat es sich dann sogar beinah so angefühlt, als würde ich an einer Hausarbeit für die Uni oder an einem Artikel arbeiten, den ich in Kürze abgeben müsste. Aus irgendeinem Grund spürte ich plötzlich Druck. Den Druck, etwas abliefern zu müssen. Und das erschien mir keinesfalls sinnvoll. So war das hier beim besten Willen nicht gedacht. Und aus diesem Grund entschied ich mich letztlich dazu, erst einmal zu pausieren und keine weiteren Blogbeiträge mehr zu verfassen – und zwar so lange, bis es mir wieder richtig Spaß machen würde.

Auch als ich mich vorgestern Vormittag mit dem Fahrrad in Richtung Ilz aufmachte, dachte ich ehrlich gesagt keine Sekunden daran, dir heute davon zu erzählen. Ich wollte einfach mal wieder raus. In den vergangenen zwei Monaten war ich nämlich so gut wie gar nicht ernsthaft in der Natur unterwegs gewesen und ich spürte, dass es nun wirklich höchste Zeit war, dies zu ändern. Und so radelte ich nach dem Frühstück hinüber nach Hals und anschließend weiter bis zum Stausee Oberilzmühle. Nachdem ich mein Fahrrad an der Staumauer abgestellt hatte, folgte ich zu Fuß dem Ilztalwanderweg in Richtung Fischhaus. Vorbei an alten Holzzillen und bunten Kajaks, die zu Dutzenden am Ufer des Stausees im Wasser liegen, verläuft der abwechslungsreiche Weg auf den folgenden Kilometern direkt am Fluss entlang. Schmale Rinnsale und leise plätschernde Bäche mit kleinen Wasserfällen, Holzbrückchen und Stege, verliebte Entenpärchen mit ihrem Nachwuchs, grüne Wiesen, singende Waldvögel und das dunkle, fast schwarze Wasser der Ilz auf seinem Weg zur Donau hin, bildeten in den folgenden dreieinhalb Stunden den passenden Rahmen, um ein wenig abzuschalten und noch einmal in Ruhe die Ereignisse der vergangenen Wochen Revue passieren zu lassen. Was war das doch für eine emotionale Achterbahnfahrt gewesen in diesem Frühjahr. Marias Schwangerschaft, Umzug (ja, du hast richtig gehört, liebes Tagebuch, wir sind schon wieder umgezogen), Abschiednehmen von einem Freund, kurze Eingewöhnungszeit in der neuen Wohnung und schließlich die Geburt unseres Sohnes, fünf Wochen vor dem errechneten Termin. Das alles hatte seine Spuren hinterlassen.

Nachdem ich etwa eine Stunde flussaufwärts gewandert war, blieb ich auf einem etwas maroden Steg sitzen, aß einen Apfel und trank einen großen Schluck Wasser. Die letzten Tage waren relativ anstrengend gewesen und ich hatte mich müde, aber vor allem psychisch nicht sonderlich stabil oder gar ausgeglichen, gefühlt. Hier, im Naturschutzgebiet am Ufer der Ilz, hatte ich gehofft, ein wenig neue Kraft und Energie tanken zu können. Als ich so auf dem Steg saß und einige Minuten lang nur auf die dunkle Wasseroberfläche und die Bäume am gegenüberliegenden Ufer starrte, fielen mir die Worte einer lieben Freundin ein, die sie mir wenige Stunden vor Janoschs Geburt in Form einer knappen WhatsApp-Nachricht mit auf den Weg gegeben hatte: „Kopf aus und Herz an. Genieß es, jetzt fängt das Wunder an!“, hatte sie geschrieben. Tatsächlich war ich in den ersten Stunden und Tagen, trotz all der Unsicherheiten und Sorgen, die eine Frühgeburt zwangsläufig mit sich bringt, so ruhig, so bei mir, so fokussiert auf das Wesentliche, wie ich es wohl selten zuvor in meinem Leben gewesen war. Ein paar Tage nach der Geburt, draußen war es gerade dunkel geworden, lag ich in unserem Zimmer in der Kinderklinik im Bett und las meinem neugeborenen Sohn aus Antoine de Saint-Exupéry´s „Der kleine Prinz“ vor. Janosch lag mucksmäuschenstill auf meiner Brust und ich spürte, wie sich sein winziger Körper bei jedem Atemzug ganz leicht hob und wieder senkte. Seine Mama lag neben uns. Das Glücksgefühl in diesem Moment lässt sich kaum beschreiben. Keine Frage: mein Kopf war aus, mein Herz war an.

Im Laufe der letzten Woche hatte ich dann allerdings bemerkt, dass mein Kopf es irgendwie geschafft hatte, sich Schritt für Schritt am Herz vorbei wieder deutlich in den Vordergrund zu drängen. Plötzlich spielten Themen wie Arbeit, die ein oder andere Alltagsverpflichtung und Zukunftsfragen, sowie die damit verbundenen kleineren und größeren Sorgen und Ängste wieder eine viel bedeutendere Rolle, als dies noch in den eineinhalb Wochen zuvor der Fall gewesen war. Warum? Was war passiert? Und wie lässt sich dieser vermaledeite Kopf wieder abstellen? […] Am Wendepunkt meiner Wanderung angekommen, musste ich feststellen, dass ich den Großteil der zweiten Hälfte des Hinwegs nach Fischhaus damit verbracht hatte, über genau diese Fragen bzw. deren Antworten zu sinnieren. Dabei hatte ich, ohne es zu merken, die eigentlichen Ziele meines Ausflugs, nämlich ein wenig abzuschalten und den Kopf frei zu bekommen, aus den Augen verloren. Anstatt die Natur zu genießen und bewusst den Moment zu erleben, hing ich plötzlich in einer nervigen und energieraubenden Gedankenspirale fest. Veflixte Sache dieses Gehirn, wirklich wahr!

Ein wenig „verärgert“ über mich selbst, beschloss ich, besagte Spirale zu durchbrechen und mich für die Dauer des Rückweges wieder auf die natürliche Schönheit des Ilztales zu fokussieren. Zum Glück steht die rechte Flussseite zwischen Fischhaus und Oberilzmühle ihrem Pendant am linken Ufer in Sachen Abwechslungsreichtum und Naturerlebnis in nichts nach. Was mich in diesem Zusammenhang immer wieder erstaunt, ist die Tatsache, dass man, meiner Erfahrung nach, auf diesem Abschnitt des Ilztalwanderweges selten Menschen begegnet. Auch vorgestern traf ich während der gesamten Wanderung gerade einmal drei Menschen – zwei Forstarbeiter und dazu einen Angler, der, bis zur Hüfte im Wasser stehend, an seiner Zille herumwerkelte. Ansonsten hatte ich das Ilztal an diesem Tag praktisch ganz für mich allein. Was natürlich nicht heißen soll, dass es beim Wandern nicht zu ganz wunderbaren Erlebnissen mit Gleichgesinnten kommen kann, im Gegenteil: ich befand mich bereits radelnd auf dem Rückweg nach Passau, als mich, ungefähr auf Höhe der Triftsperre, ein älterer Mann ansprach und bat, ihm „nur kurz“ zu erklären, wie er am besten mit dem Fahrrad nach Kalteneck käme. Wer mich kennt, der weiß, dass kurze Erklärungen nicht gerade meine allergrößte Stärke sind und so kam es, dass der äußerst sympathische und ebenfalls recht gesprächige Herr und ich uns erst 45 Minuten später wieder voneinander verabschiedeten. Aus einer, mehr oder weniger, kurzen Wegbeschreibung meinerseits, hatte sich nämlich ein wirklich interessantes und kurzweiliges Gespräch über Themen wie Fahrradfahren in der Region, Wohnmobilreisen nach Skandinavien, steigende Campingplatzpreise in Italien und Spanien, Massentourismus und schließlich meinen neugeborenen Sohn entwickelt. Letzteres Thema hatte dazu geführt, dass ich es nun kaum noch erwarten konnte nach Hause zu kommen, zu duschen und dann sofort weiter in die Kinderklinik zu Maria und Janosch zu radeln. Dort durfte ich dann am Ende eines ereignissreichen Tages zufrieden und ausgeglichen feststellen, dass ich irgendwo zwischen Fischhaus und Hals den Ausschalter für meinen Kopf scheinbar doch noch gefunden hatte.

Gute Nacht, liebes Tagebuch. Bis bald, vielleicht.

Dein Naturbua

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Daten zur Tour. Streckenlänge: 26 km (12 km Fahrrad, 14 km Wandern) Anstieg: 345 hm Startpunkt/Endpunkt: Altstadt Passau Highlights: Ruine Hals, Triftsperre, Stausee Oberilzmühle, diverse Blicke auf die Ilz Alternativen: Startpunkt frei wählbar (Passau, Hals, Triftsperre, Oberilzmühle, Mausmühle, Fischhaus) Schwierigkeitsgrad: einfach

Tipp des Tages: Nordtangente Nein

Von der Freiheit des Wanderns

Liebes Internettagebuch,

vor etwa zwei Wochen habe ich meine bis dato letzte Radtour entlang der Donau in Richtung Jochenstein gemacht. Kurz nachdem ich losgefahren war, kam ich in der Innstadt an einem kleinen Bolzplatz vorbei, auf dem ein paar Kinder im Grundschulalter Fußball spielten. Ich blieb kurz stehen, um die Ärmel meiner Jacke abzunehmen, denn ich hatte mich für diesen sonnigen Novembertag doch ein wenig zu warm angezogen, und verharrte anschließend ein paar Augenblicke, um zuzusehen, wie die Jungs dem Ball hinterherjagten. Als ich wenig später meine Fahrt donauabwärts fortsetzte, musste ich an meine eigene Kindheit zurückdenken und daran, wie viele unzählige Stunden ich zusammen mit meinem Bruder und den Nachbarsjungen auf dem Fußballplatz verbracht habe. Egal ob bei brütender Hitze oder bei strömendem Regen, völlig egal auch, ob nur zu zweit, zu dritt oder mit einer größeren Gruppe. Nach mehreren Stunden und nicht selten erst nach Einbruch der Dunkelheit, machten wir uns erschöpft, mit Grasflecken in den Klamotten und Schürfwunden an den Beinen, auf den Nachhauseweg. Ich liebte es, draußen zu sein, mich auszupowern, Zeit mit Freunden zu verbringen und ganz abgesehen davon, spielte ich zu dieser Zeit einfach wahnsinnig gerne Fußball. Erstaunlicherweise hatte ich im Gegensatz zu vielen meiner Freunde nicht das geringste Interesse daran, es im Verein zu tun […] eine Tatsache, an der sich bis heute nichts geändert hat.

Mittlerweile sind die sonnigen Novembertage vorbei und der schier nicht enden wollende Spätsommer ist – wer hätte das gedacht – tatsächlich doch irgendwann dem Herbst gewichen. Vielleicht fällt es mir, gerade wegen dieses ungewöhnlich sonnigen, warmen und langen Sommers, den wir in diesem Jahr hatten, heuer so schwer, mich an die kalte Jahreszeit zu gewöhnen. Vermutlich liegt es auch an der Tatsache, dass ich den letzten zwei, drei Wochen relativ viel am Laptop gearbeitet und somit überdurchschnittlich viel Zeit in der Wohnung verbracht habe und mit Sicherheit spielen eine lästige Erkältung, die ich seit Ende Oktober mit mir rumziehe und mein nach wie vor viel zu unregelmäßiger Schlafrhythmus eine Rolle. Fakt ist, dass ich mich spätestens seit der Umstellung der Uhren auf Winterzeit mit einer wirklich bemerkenswert hartnäckigen Müdigkeit und Trägheit herumschlage, die ich in dieser Form lange nicht gespürt habe und aus der sich zuletzt still und heimlich ein fieser Teufelskreis aus spätem Zubettgehen, schlechtem Schlaf, spätem Aufwachen, kurzen Tagen, langen Nächten und mieser Stimmung zu entwickeln drohte.

Am vergangenen Wochenende reichte es mir damit endgültig und ich beschloss, diesen Negativkreislauf vorerst mit einem Ausflug in den bayerischen Wald zu durchbrechen, weil die Welt danach normalerweise gleich wieder ein wenig anders ausschaut. Speziell der Lusen ist dabei in den letzten Jahren für mich persönlich zu einer Art „Allheilmittel“ geworden, von dem ich mir, wenn möglich, meist selbst mehrmals pro Jahr eine ordentliche Dosis verordne. In diesem Jahr war ich allerdings bislang nur zweimal oben gewesen. Beide Male war noch Schnee gelegen.

Nachdem ich am Sonntagmorgen gegen 10 Uhr in Passau losgefahren und etwa eine Stunde später am Parkplatz in Waldhäuser angekommen war, musste ich beim Anblick der zahlreichen Autos erkennen, dass an diesem kalten aber wunderbar sonnigen Herbsttag scheinbar noch viele weitere Menschen die „heilende Wirkung“ des Lusens dringend nötig hatten. Da ich es ohnehin nicht eilig hatte zum Gipfel zu kommen, beschloss ich die Asphaltstraße in Richtung Waldhäuserreibe gleich wieder zu verlassen und zunächst bergab in Richtung Martinsklause und von dort weiter zum Teufelsloch, einem mystischen Granitfeld mit unterirdischem Wasserlauf zu wandern, bevor ich weiter oben, auf Höhe der Glasarche, ohnehin auf den erfahrungsgemäß wieder stärker frequentierten Sommerweg stoßen würde. Wenige Minuten später war ich, wie erhofft, ganz allein im Wald unterwegs und genoss die kühle, frische Luft, die durch meine Atemwege strömte, die hellen Sonnenstrahlen, die durch die mittlerweile kahlen Bäume den Weg in mein Gesicht fanden und die Geräusche, die meine schweren Wanderschuhe bei jedem Schritt durch das trockene Herbstlaub auf dem Boden machten.

Zwischen Martinsklause und Teufelsloch, dem steilsten Stück des Anstiegs (abgesehen von der Himmelsleiter direkt unterhalb des Gipfels) musste ich mich dann tatsächlich ausziehen, um nicht zu verschwitzt oben anzukommen und während ich kurz stehenblieb, um meine Jacke im Rucksack zu verstauen, kamen mir plötzlich wieder die fußballspielenden Jungs in der Passauer Innstadt und vor allem die damit verbundenen Erinnerungen an meine eigene Kindheit und Jugend in den Sinn. Den Rest des Weges über den Sommerweg und die bereits angesprochene Himmelsleiter bis zum Gipfel verbrachte ich hauptsächlich damit, über mein Verhältnis zu Vereins-/Mannschaftssport und der Art und Weise wie ich noch heute meine Freizeit gestalte, nachzudenken.

Nachdem sich ganz oben, nicht ganz unerwartet, an diesem Tag viel zu viele Menschen tummelten und außerdem ein eisiger Wind über das markante Blockmeer aus Granit wehte, wechselte ich nur kurz mein mittlerweile doch recht nassgeschwitztes Shirt und machte mich anschließend gleich auf den „Rückweg“, für den ich mir spontan eine Alternative zum beliebten Winterweg überlegt hatte. Nach wenigen hundert Metern auf der breiten Schotterstraße, auf denen mir gefühlt mehr Leute begegneten als während des kompletten Aufstiegss, bog ich deshalb erneut links ab auf einen zunächst etwas steileren, wurzeligen und mit viel Laub bedeckten Weg, der bergab in Richtung Sagwasserklause und Nationalparkzentrum Neuschönau führt und auf dem ich bislang noch nie gewandert war.

Ich denke, letztendlich ist genau diese Freiheit, jederzeit neue, bis zu deisem Zeitpunkt völlig unbekannte Wege zu gehen oder alternative Routen auszuprobieren, ein Grund, warum mir das Wandern und natürlich auch das Fahrradfahren seit geraumer Zeit so viel Freude bereitet. Erst recht mit ausreichend Zeit im Gepäck lassen sich auf diese Weise selbst Ausflüge in relativ bekannte Gegenden abwechslungsreich und immer wieder aufs Neue interessant gestalten. Hinzu kommt natürlich noch die grundlegende Freiheit, draußen aktiv zu sein, wann immer man will und es eben auch sein zu lassen, wenn einem nicht danach zu Mute ist. Ich glaube, für mich persönlich war gerade der zweite Punkt immer schon von großer Bedeutung. Zumindest scheint es mir eine logische Erklärung für den Umstand zu sein, dass ich eben nie, anders als viele meiner Freunde aus Kindertagen, Teil einer Fußballmannschaft sein wollte, warum ich mit fünfzehn Jahren aufgehört habe im Verein Tennis zu spielen und warum ich mich mit Mannschaftssportarten bzw. generell mit Freizeitgestaltungen, denen ein festgeschriebener Zeitplan und regelmäßige Termine zu Grunde liegen, bis zum heutigen Tag so gar nicht anfreunden kann.

Versteh mich nicht falsch, liebes Tagebuch, ich bin absolut der Meinung, jeder sollte seine Hobbies ausüben bzw. seine Freizeit gestalten, wie er oder sie das möchte. Ich bin sicher für viele Leute ist es wichtig und richtig, sich regelmäßig zum gemeinsamen Training oder zu Verbandspielen zu treffen und dabei als Teil einer Gemeinschaft zu fungieren. Ich für meinen Teil aber habe längst erkannt, dass der sogenannte individuelle Natursport einfach viel eher meiner Vorstellung von (selbst bestimmter) Freizeitgestaltung entspricht.

Entlang des idyllischen Sagwassers und vorbei an der gleichnamigen Klause wanderte ich also, wie bereits erwähnt, mutterseelenallein weiter in Richtung Nationalparkzentrum und erreichte am frühen Nachmittag den Rand des dortigen Tierfreigeländes unweit des Wisent-Geheges, wo ich an einem Wegweiser zufrieden feststellte, dass der Rückweg zum Parkplatz in Waldhäuser bis zum Einbruch der Dunkelheit locker zu schaffen sein würde. Nach einem Schlenker vorbei an Luchs, Elch, Wildschwein und Fischotter, nahm ich den rund zwei Kilometer langen Schlussanstieg dieser ausgieben Wanderung rund um den Lusen in Angriff und hatte kurz vor dem Ziel in Waldhäuser sogar noch genügend Zeit für einen kleinen Umweg über die sogenannten Steinfelsenhänge.

Am Auto angelangt, machte ich mich dann schnurstracks auf den Weg zu Marias Eltern, wo neben meiner Freundin und ihrer Familie auch noch eine leckere Kürbissuppe mitsamt Kaspressknödel auf mich wartete. Spätestens jetzt war ich so richtig müde, doch im Gegensatz zu den vorangegangenen Tagen war es in diesem Moment vielmehr eine zufriedene und wohltuende Form der Müdigkeit, von der man sich nach einem langen Tag in der frischen Luft nur allzu gern übermannen und ins Bett schicken lässt.

Dein Naturbua

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Daten zur Tour: Streckenlänge: 20 km Anstieg: 850 hm Startpunkt/Endpunkt: Parkplatz Waldhäuser Highlights: Martinsklause, Teufelsloch, Lusengipfel, Sagwasser(klause), Tierfreigehge Neuschönau, Steinfelsenhäng Alternativen: mehrfach Möglichkeiten die Tour abzukürzen

Tipp des Tages: Fernglas für das Tierfreigehege

Way Up North

Den ganzen Tag hat es heute heftig geregnet. Auch jetzt am Abend prasseln dicke Tropfen auf unseren Bus, während zum Teil recht kräftige Windböen an ihm rütteln und uns so das Gefühl geben, wir befänden uns im Inneren eines Bootes. Ein paar Meter entfernt rauscht ein Wildbach vorbei. Unmengen von Wasser aus der Hochebene auf ihrem Weg in den nahegelegenen Fjord … Wir haben es uns im Bus gemütlich gemacht. Vorhänge vor den Fenstern, die nackten Füße in wärmenden Schlafsäcken, in den Händen eine Tasse heißen Tees. Aus den Lautsprechern von Marias iPad klingt sanft Eddie Vedders unverwechselbare Stimme: “Wind in my hair, I feel part of everywhere, underneath my beeing is a road that disappeared, late at night I hear the trees they`re singing with the dead, overhead …“ Ich bin glücklich.

Øvre Eidfjord, Norwegen, 10. August 2018

 

Liebes Internettagebuch,

Als ich noch ein Kind war hatten wir einen Wohnwagen. Ich kann mich noch gut an ihn erinnern. Ein weißer Caravan der Marke Knaus, Modell Südwind, mit mehreren gelben und grauen Streifen auf der Seite und dem Symbol zweier weißer Vögel hinten links, schräg über der Heckscheibe. Innen gab es ein Bett, ein winziges Bad, eine kleine Kochnische mit Herdplatten, einen Kühl- und einen Kleiderschrank, sowie einige weitere Kästchen und Staufächer und vorne befand sich eine gemütliche Sitzecke mit Tisch, die sich jeden Abend nach ein paar wenigen Handgriffen in ein weiteres Nachtlager für meinen Bruder und mich verwandelte. Das also war unser mobiles Zuhause für die Ferienzeit. Mehrere Wochen im Jahr reisten wir damit durch Europa. Meist kreuz und quer durch Italien. Aber auch nach Frankreich, Österreich, in die Schweiz, oder nach Ungarn. Ich liebte es mit meiner Familie in unserem “Wohni“ wegzufahren und ich liebte es zu campen.

Irgendwann, Ende der 90er Jahre, wurde diese Liebe jedoch auf die Probe gestellt und zerbrach schließlich endgültig. Mein pubertäres, 14-jähriges Ich verlor Stück für Stück die Begeisterung für lange Urlaube mit den Eltern und wollte schließlich die Ferien lieber zu Hause mit Freunden verbringen. Keine ganz ungewöhnliche Entwicklung vermutlich und doch ziemlich schade, jetzt wo ich so darüber nachdenke. Ein paar Jahre später jedenfalls – auch mein Bruder wollte zu diesem Zeitpunkt nicht mehr mit in Urlaub fahren – verkauften meine Eltern den Wohnwagen und beendeten damit ebenfalls ihr langjähriges Camper-Dasein. Was mich angeht, so reduzierte sich das Reisefieber im Laufe meiner Teenagerjahre tatsächlich auf ein Minimum. Und obwohl ich in den letzten zehn bis 15 Jahren schon in regelmäßigen Abständen weggefahren bin, beschränkten sich meine Urlaube dabei meist auf Kurztrips in Städte, einwöchige Aufenthalte im nördlichen Italien (die meisten davon im Anschluss an Radtouren über die Alpen) oder verlängerte Wochenenden im Gebirge. Um ganz ehrlich zu sein: ich kann mich, bis auf eine zweiwöchige Alpe-Adria-Radtour im Frühjahr des letzten Jahres, nicht daran erinnern, wann ich das letzte Mal länger als zehn Tage verreist bin.

Natürlich war dies meine eigene Entscheidung gewesen, hatte ich ganz persönliche Gründe gehabt, die mich im Laufe der Jahre davon abhielten, länger wegzufahren oder gar weite Flugreisen zu anderen Kontinenten zu unternehmen. Dennoch war ein Teil von mir stets ein wenig enttäuscht und teilweise sogar ziemlich traurig darüber. Es war nicht immer leicht, den begeisterten Reiseberichten anderer zu lauschen oder sich durch hunderte Urlaubsfotos von Facebook-Freunden zu klicken, die sie an aufregenden Plätzen überall auf der Welt zeigten. Irgendwo in mir schlummerte eben doch ein kleiner Weltenbummler. Naja, sagen wir, zumindest der abenteuerlustige Campingfan aus Kindertagen, und ich gab die Hoffnung nicht auf, dass dieser irgendwann wieder den Mut finden würde, sich auf eine größere Reise zu begeben. Meine Solotour über den Brenner zum Gardasee, rüber nach Venedig und durch die Alpen zurück nach Hause war für mich ein erster wichtiger Schritt in die richtige Richtung gewesen. Ermutigt und bestärkt durch die Erlebnisse im April des vergangenen Jahres, hatte ich beschlossen, heuer in jedem Fall mit Maria zusammen eine größere Urlaubsreise zu unternehmen. Unser Ziel: Skandinavien!

Vor drei Wochen war es dann soweit. Alles war vorbereitet, das Equipment zusammengestellt,  der Bus wohl durchdacht gepackt und unsere Fahrräder auf dem Heckträger montiert. Endlich konnte es losgehen. Auf in den Norden!

Nachdem wir uns am Abend des ersten Fahrtages, quer durch das viel zu heiße Deutschland (37°), einen Campingplatz in der Lüneburger Heide gesucht hatten, überquerten wir bereits am zweiten Tag, irgendwo zwischen Hamburg und dem Nord-Ostsee-Kanal, eine imaginäre Grenzlinie. Weiter nördlich waren wir beide noch nie zuvor gewesen. Für mich in diesem Moment ein faszinierender Gedanke, der alles, was ab jetzt kam, gleich noch viel interessanter und aufregender erscheinen ließ.

Zunächst einmal kam Dänemark. Für sich allein genommen, zweifellos auch ein facettenreiches und faszinierendes Land und ohne Frage auch wert, dort einmal einen Urlaub zu verbringen. Für uns an diesem Tag allerdings lediglich Zwischenstation auf dem Weg nach Schweden. Auf der Autobahn ging es für uns schnurstracks in Richtung Öresundbrücke.

Schon immer haben mich Brücken fasziniert. Egal ob kleine, wenige Meter breite Stege aus Holz, die lediglich über einen Bach führen, architektonische Meisterwerke aus Stein, wie die Rialtobrücke in Venedig oder Betongiganten wie die Europabrücke wenige Kilometer unterhalb des Brenners. Brücken verbinden. Und im Falle der Öresundbrücke eben nicht nur zwei gegenüberliegende Flussufer, sondern tatsächlich zwei Staaten. Und das kilometerweit über eine Meerenge hinweg. Als wir wenig später auf dem höchsten Punkt dieses beeindruckenden Bauwerks, mit  Xavier Rudds “Spirit Bird“ im Ohr, an dem blauen Schild mit der weißen Aufschrift “Sverige“ vorbeifuhren, stockte mir tatsächlich ein wenig der Atem. Dazu strahlender Sonnenschein, Möwengeschrei, ein wolkenloser blauer Himmel über und noch blaueres Wasser unter uns. Gänsehaut …

In den vergangenen Jahren war meine Vorstellung von Schweden vor allem durch Krimi-Romane bzw. deren Verfilmungen geprägt worden. Speziell ARD-Produktionen, basierend auf Henning Mankells Büchern über Kommissar Kurt Wallander, vermittelten dabei meist das Bild eines grauen, trüben Landes, in dem Wind, Regen und kühle Temperaturen dominierten. Als ich am dritten Tag unserer Reise bei 30 Grad vor der felsigen Halbinsel Kullen im kristallklaren Meer schwamm, musste ich selbst ein wenig darüber schmunzeln, wie sehr wir doch heutzutage medial aufbereitete Inhalte als Wahrheit ansehen. (Was hab´ ich gleich nochmal studiert? 😊 )

Entlang der Westküste arbeiteten wir uns im Lauf der nächsten Tage in Richtung der beiden großen Seen Vänern und Vättern vor. Wobei „arbeiten“ hier definitiv der falsche Begriff ist. Viel zu schön war die Fahrt durch den Südwesten dieses herrlichen Landes, viel zu stressfrei rollten wir in unserem Paolo (der Name unseres T5) durch den wunderbar unaufgeregten Straßenverkehr. Von den wunderschönen Plätzen, an denen wir übernachteten, ganz zu schweigen. Goldküste heißt der etwa 400 Kilometer lange Küstenstreifen zwischen Malmö und der Grenze zu Norwegen, der sich im Laufe des 20. Jahrhunderts als eines der Hauptferienziele der Schweden etabliert hat. Entsprechend touristisch geprägt und dicht besiedelt ist diese ansonsten so reizvolle Gegend. Auch aus diesem Grund dauerte es bis zum Abend unseres vierten Reisetages, ehe wir endlich vom berühmten „Allemansrätt“ Gebrauch machten. Was soll ich sagen: das Warten hatte sich gelohnt. Irgendwo in der weitaus dünner besiedelten Region Dalsland waren wir, als es Abend wurde, von der ohnehin verkehrsarmen Hauptstraße abgefahren, um wenig später auf einen Schotterweg abzubiegen. Ein paar Minuten danach schlugen wir auf einem Waldweg unser Nachtlager auf, kochten, aßen und beobachteten bei einer Partie Qwirkle zwei große Mähdrescher, die im beinah endlos scheinenden Sonnenuntergang bis 23:30 auf einem goldgelben Getreidefeld ihre Kreise zogen.

Auch die nächsten Tage verbrachten wir in der Region Dalsland, deren Landschaft geprägt ist von unzähligen Seen, schier unendlichen Wäldern und wunderschönen, dunkelrot gestrichenen Farmhäusern, die einen, inmitten riesiger Felder und Kuhweiden, alle paar Kilometer dann doch daran erinnern, dass hier ja auch noch Menschen wohnen. Eine mehrstündige Wanderung durch den Nationalpark Tresticklan, eine kostenlose Autofähre über den Stora Le, eine Übernachtung direkt am Ufer eines kleinen Sees, dessen Namen ich tatsächlich vergessen habe (er lag in der Nähe der Ortschaft Lund), sowie eine anspruchsvolle Mountainbike-Tour zum Gipfel des Gallberget (in der Nähe von Arvika) zusammen mit einem jungen Arzt aus Uppsala namens Mikael, waren nur ein paar der vielen Highlights, die wir erlebten, ehe wir am neunten Tag unserer Reise bei Charlottenberg die Grenze nach Norwegen passierten.

Unsere erste Nacht auf norwegischem Boden verbrachten wir im idyllischen Hafenstädtchen Drøbak am Oslofjord. Nachdem wir auf einem Felsen ein abendliches Picknick gemacht und dabei Jugendliche beobachtet hatten, die von einem fünf Meter hohen Turm ins Meer sprangen, übernachteten wir direkt am wenige hundert Meter entfernten Hafen (kostenlos). Kurz vor dem Zubettgehen hatte ich mich vor der malerischen Kulisse einer atemberaubenden Abenddämmerung zumindest noch auf das 3-Meter-Brett gewagt und mir fest vorgenommen, es am nächsten Morgen den norwegischen Jungs gleich zu tun und mich in die Fluten zu stürzen.

Mein ambitionierter Plan wurde jedoch von einem krassen Wetterumschwung zunichte gemacht, denn am darauffolgenden Tag wurden wir von dicken Regentropfen geweckt, die auf Paolos Dach trommelten. Auch die Temperaturen waren gleich mal um schlappe 15 Grad gefallen und so machten wir uns bei herbstlichen Verhältnissen auf in Richtung Hardangervidda, der größten Hochgebirgsebene Europas. Anstatt wie geplant am gleichnamigen Nationalpark für eine Wanderung stehen zu bleiben, verließen wir noch am selben Tag das unwirtliche Hochplateau und campierten stattdessen in Øvre Eidfjord. Als sich tags darauf das Wetter aber wieder von einer viel freundlicheren Seite zeigte, kehrten wir noch einmal zurück in die Hardangervidda. Wir sollten es nicht bereuen. Mit ihrer arktischen Tundra-Vegetation, auf einer Höhe von 1100 bis 1400 Metern gelegen, stellt sie ein faszinierendes Wandergebiet dar und auch wenn ich mir in den wenigen Stunden, die wir dort verbrachten, dank des teilweise doch sehr kalten Windes eine kleine Erkältung einfing, war ich heilfroh, dass wir noch einmal dorthin zurückgefahren waren.

In den nächsten Tagen bewegten wir uns dann deutlich weiter unten, etwa auf Höhe des Meeresspiegels, entlang des Hardangerfjords, der als einer der schönsten Fjorde Norwegens gilt. Zurecht, wie wir fanden, spiegelt er doch die Schönheit und Naturvielfalt des gesamten Landes wider. Während entlang der Küste verschiedene Obstbäume prächtig gedeihen, die Menschen baden, segeln, angeln und überhaupt sommerliche Temperaturen genießen, kann man keine 30 Autominuten entfernt auf dem südlichsten Gletscher  des Landes auch während der Sommermonate Skifahren.

Auf unserer Fahrt in Richtung des Hardangerfjords hatten wir einen der populärsten Orte Norwegens (zumindest für Touristen) kurzerhand links liegen gelassen. Auf eine zehn- bis zwölfstündige Wanderung zur Trolltunga hatten Maria und ich nicht wirklich Lust gehabt. Am Abend dann gratulierte mir eine freundliche Kioskbetreiberin im kleinen Küstenörtchen Herand zu dieser Entscheidung. Sie selbst sei einmal, vor drei Jahren, auf der Trolltunga gewesen. Einmal und nie wieder, wie sie mir lachend erklärte. 500 norwegische Kronen Parkgebühr am Tag sowie eineinhalb Stunden Schlangestehen, um das berühmte Foto – vor zugegebenermaßen, atemberaubender Kulisse – machen zu können, waren nur zwei ihrer Argumente gegen diesen Touri-Hotspot. Stattdessen empfahl sie mir eine Wanderung zum nahegelegen Mount Samlen, die hin und zurück nur drei bis vier Stunden in Anspruch nehmen und uns am Ende mit einem mindestens genauso tollen Blick über Berge und Fjord belohnen würde. „Forget Trolltunga“, grinste sie. „Samlen is better“. Sie sollte recht behalten.

Durch das Setesdal führte unsere Reise in den nächsten beiden Tagen hinunter zur Küste des Skagerrak, ehe wir zum Ende unserer Reise wieder nach Schweden zurückkehrten. Wir hatten gelesen, dass das Tal selbst mit grandioser Landschaft und bäuerlicher Ursprünglichkeit begeistert. Was ich nicht gedacht hätte war, dass auch zwischen Hardangerfjord und Setesdal, am südlichen Rand der Hardangervidda unzählige weitere Naturhighlights auf uns warten würden. Ungebändigte Wildbäche mit Stromschnellen und Schluchten, die mich an die nordamerikanische Kulisse des Westernfilms „Fluß ohne Widerkehr“ erinnerten, majestätische Felswände, Seen, von denen einer schöner und vor allem klarer war, als der andere, Wasserfälle, die zum Teil so nahe an der Straße lagen, dass die Gischt durch das geöffnete Autofenster hereinspritzte,  und Hochgebirgsstraßen, die uns gleich eine ganze Reihe von original Herr-Der-Ringe-Panoramen boten. Ungelogen: Maria und ich brachten teilweise den Mund gar nicht mehr zu. Da weder Worte noch Fotos ausreichen, um all die faszinierenden Flecken Erde zu beschreiben, die wir während unsere Woche in Norwegen bestaunen durften, folgt hier einfach nur noch der Tipp, dieses Land selbst einmal zu besuchen. Wer schon dort gewesen ist, der weiß ja nur zu gut, wovon ich rede!

Ganz am Anfang des heutigen, sehr ausführlichen Eintrags, hab´ ich dir von meiner Campingleidenschaft aus Kindertagen erzählt, liebes Tagebuch. Was soll ich sagen? Ich habe sie wiederentdeckt. Und das Schönste daran: Maria teilt sie. Schon nach den ersten Übernachtungen im Bus, als wir uns noch südlich von Göteborg befanden, durfte ich feststellen, dass all die Facetten, die mir als Kind und uns als Familie vor mehr als zwanzig Jahren schon so viel Freunde bereitet hatten, sofort wieder spürbar waren. Die Einfachheit, die Spontanität, das Abenteuer, die Ungebundenheit, der Kontakt zu Gleichgesinnten. All das zusammen macht die Faszination eines Campingurlaubs aus. In Skandinavien wird das Ganze dann noch getoppt von der Freiheit, sich mit seinem Zelt/Auto einfach neben die Straße zu stellen und mitten in der Natur zu übernachten. Mehr Selbstbestimmung geht nicht.

Neben der spektakulären Landschaft und den vielen unvergesslichen Momenten, die sie uns während der vergangenen drei Wochen beschert hat, sind es vor allem die vielen – wenn auch meist recht kurzen – Begegnungen mit Menschen, die einen derartigen Urlaub kennzeichnen. Schon als wir noch Kinder waren, verriet mir kürzlich meine Mama, hat es auf Campingplätzen meist keine halbe Stunde gedauert, bis mein Bruder und ich neue Freunde gefunden hatten, mit denen wir dann begeistert Fahrrad fuhren, Krebse fingen oder im Meer schwammen. Auch in den vergangenen Wochen führte ich einige wunderbare Gespräche mit Leuten aus verschieden Ländern, die alle unsere Liebe zur Natur, zum Entdecken, zum Aktivsein und nicht zuletzt zum Campen teilten.

Janine und Daniel aus Innsbruck waren auf ihren Rädern von Belgien bis nach Göteborg gefahren. Ein weiteres nettes Paar aus Hamburg lernten wir ein paar Tage später in Bengtsfors kennen. Die beiden waren zum Kajaken nach Dalsland gekommen. Als wir am Rande des Tresticklan Nationalparks übernachteten, kam ich mit einem Pärchen aus Münster ins Gespräch, das gerade mit einem wirklich alten, gebrauchten Wohnmobil zu einer zwölfmonatigen Rundreise durch Europa gestartet war. Janne und Anna, die in die Jahre gekommenen Besitzer eines Campingplatzes kurz vor der norwegischen Grenze; eine vierköpfige holländische Familie auf einwöchiger Kanutour durch die Seenlandschaft Värmlands; Ole, ein 1,95 großer, gut gelaunter Bremer, der alleine in seinem Sprinter bis zum Nordkap gefahren war und jetzt seine Freundin in Oslo aufgabelte, um mit ihr noch eine Woche Urlaub in Norwegen zu machen; ein redseliger Duisburger, dem wir zusammen mit einem seeeeeehr entspannten Niederländer halfen, die kaputte Markise seines geliehenen Wohnmobils zu reparieren; Daniel, der vierzehnjährige Sohn der Kioskbesitzerin aus Herand, der mir in fließendem Englisch eine halbe Stunde lang die Gegend um seinen Heimatort näherbrachte; Ferdi, Kletterfan, Lehrer und aktuell Wahl-Istanbuler; oder die beiden jungen, schwedischen Downhillcracks, mit denen ich mich noch am Samstag im Bikepark Vallåsen wunderbar unterhalten, fachsimpeln und über die Eigenheiten der Norwegen austauschen konnte. Sie alle sorgten dafür, dass uns von diesem Urlaub eben nicht nur die atemberaubenden Landschaften Schwedens und Norwegens in Erinnerung bleiben werden.

Überhaupt sind es manchmal die kleinen Dinge, die eine Reise zu einem unvergesslichen Erlebnis werden lassen. Das kann ein verregneter Filmabend im Bus irgendwo im norwegischen Gebirge sein, eine Radfahrt zur Toilette entlang der felsigen Küste Bohusläns, bei der man sich zehn Minuten lang fühlt, wie Danny MacAskill höchstpersönlich, ein nettes Gespräch mit einem schwedischen Zollbeamten, um sich die Wartezeit bis zur Ankunft der Fähre zu vertreiben, das Durchqueren einer Kuhweide auf dem Weg zu einem Picknick am Strand, ein leckeres, selbstgekochtes Abendessen an einem kleinen, namenlosen See in Dalsland, unzählige Wortwitze über den Ortsnamen Geilo (Norwegen), Songs, die auch beim fünften Mal nacheinander Anhören noch unter die Haut gehen, eine erleichterte Sprachnachricht von einer lieben Freundin von zu Hause, ein Tellerkauf in einem Göteborger Secondhandladen, etc., … Diese Liste ließe sich ewig fortführen.

In den letzten Tagen unserer Reise, die uns erneut entlang der schwedischen Westküste zurück in Richtung Dänemark führten, versicherten Maria und ich uns mehrmals gegenseitig, dass wir in den kommenden Jahren wieder nach Skandinavien zurückkehren werden, um dort noch weitere Urlaube zu verbringen. Schließlich konnten wir in drei Wochen und trotz einer Strecke von fast 6000 Kilometern ja nur einen kleinen Teil dieser beiden Länder bereisen. Es bleibt also noch viel zu entdecken. Der Weltenbummler in mir freut sich schon jetzt wahnsinnig darauf, ein weiteres Mal die Öresundbrücke in Richtung Malmö zu überqueren. Vielleicht führt die nächste Reise Maria und mich aber auch erst einmal in eine ganz andere Richtung. Wer weiß das schon?

Dein Naturbua

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Daten zur Tour: Streckenlänge: 5760 km  Startpunkt/Endpunkt: Passau   Highlights: unendlich viele!

Tipp des Tages: REISEN!!

Sonnenuntergang am Rachel

Das Wandern. Man geht los, um gestärkt zurückzukommen, vielleicht sogar mit mehr Gelassenheit und Weitblick.

Liebes Internettagebuch,

vor einigen Tagen hat mir meine Mama dieses Zitat in einer SMS geschickt. Sie hatte es kurz zuvor irgendwo gelesen. Ich bin noch gar nicht dazu gekommen, sie zu fragen, aus welchem Buch oder von welchem Autor/welcher Autorin es stammt. Ist im Grunde auch völlig egal. Es spricht mir jedenfalls aus der Seele und es passte natürlich sehr gut, dass ich es just in dem Moment von ihr geschickt bekam, als ich gerade durch den Wald zu meinem Auto zurückwanderte. Zuvor hatte ich ganz allein über eine Stunde lang die wundervolle Abendstimmung am Gipfel des Rachel genoßen.

Ich hatte diese kurze Auszeit im Nationalpark Bayerischer Wald mal wieder bitternötig gehabt. Seit Ende Mai sind wir nämlich mit Umziehen beschäftigt. Für mich bedeutet das nach zweieinhalb Jahren in der Innstadt die Rückkehr in die Passauer Altstadt, in der ich bereits von 2010 bis 2015 gelebt hatte. Was unseren Umzug in den Steinweg anging, so waren Maria und ich uns schon von Anfang an einig gewesen, uns dafür auf jeden Fall ausreichend Zeit zu nehmen, auch wenn das hieß, dass wir im letzten Monat doppelt Miete bezahlen mussten. Aber soll ich Dir was sagen, liebes Tagebuch? Im Nachhinein bin ich unglaublich froh über diese Entscheidung. Denn auch ohne den zusätzlichen Stress, der mit einem Aus- und Einzug innerhalb von nur wenigen Tagen ohne Zweifel verbunden gewesen wäre, hatten wir in den vergangen Wochen wirklich alle Hände voll zu tun.

Vor kurzem habe ich mal nachgezählt. Mit dem Umzug in die Innstadt im Dezember 2015 hatte ich das halbe Dutzend voll gemacht. Sechs mal Umziehen seit meinem Abitur im Jahr 2004. Eine beachtliche Zahl, wie ich finde. Und auch wenn es sicher Leute gibt, die das noch locker toppen können, würde ich mich in diesem Zusammenhang schon als „einigermaßen erfahren“ bezeichnen. Was mich freilich nicht daran hinderte, im Vorfeld meines siebten Wohnungswechsels mal wieder die fast schon bescheuert naive These aufzustellen: „Das wird sicher nicht so tragisch. Wir haben ja gar nicht so viel Zeug … und genügend Zeit haben wir ja auch.“ Ich sollte es doch längst besser wissen, oder? Nun ja, nachdem wir also am letzten Montag im Mai schon die Schlüssel für unsere neuen vier Wände bekommen hatten, und gleich am selben Abend noch damit begonnen hatten, ein paar Sachen aus Marias nur 300 Meter entfernter Wohnung zu holen, nahm die Räumerei in den vergangenen drei Wochen dann munter weiter ihren Lauf. Ich will hier gar nicht zu sehr ins Detail gehen. Ich denke, jeder weiß, wie so etwas abläuft und wie sehr es sich in die Länge ziehen kann. Und ich glaube, dass die meisten auch nur zu gut mit dem Gefühl vertraut sind, wenn man zwischendurch, inmitten all der Kisten, Kartons, Möbel, Müllsäcke und Werkzeugkoffer, die ein oder andere kleine Krise bekommt. Angesichts des schier endlosen  Durcheinanders, das einen in der ersten Zeit im neuen Zuhause umgibt, wünscht man sich dann einfach nur mal für ein paar Stunden weg von alledem.

Bei mir so geschehen vorletzten Sonntag: am Ende einer anstrengenden – weil auch noch hochsommerlich heißen – ersten Juniwoche, hatten wir uns tagszuvor noch einmal ein paar helfende Hände organisiert, um Marias alte Wohnung endlich mehr oder weniger komplett leer zu räumen. Während man dort tatsächlich auch langsam das Licht am Ende des Tunnels erkennen konnte, hatte gleichzeitig das Chaos an unserer neuen Adresse wieder exponentiell zugenommen. Gerade als wir den Arbeitstag für beendet erklärt, uns auf die Terasse hinterm Haus gesetzt und uns Pizza bestellt hatten, rief dann noch eine potenzielle Nachmieterin für meine alte Wohnung auf meinem Handy an und so machte ich noch einen 90-minütigen Abstecher in die Innstadt für eine sehr spontane, abendliche Besichtigung [sie hat die Wohnung übrigens am Ende nicht genommen :)]. Später im Bett beschloss ich, dass am nächsten Tag dringend ein Ruhetag her musste.

Ausschlafen, frühstücken, French Open-Finale schauen, kochen, relaxen… soweit der Plan für einen gemütlichen, umzugsfreien Sonntag. Und doch musste ich tagsdarauf irgendwann feststellen, dass das allein noch nicht ausreichen würde, um tatsächlich abzuschalten und auf andere Gedanken zu kommen. Ich beschloss also, dass es höchste Zeit für mich war, dem Bayerischen Wald mal wieder einen Besuch abzustatten. Während ich mit einem Auge noch verfolgte, wie Rafael Nadal unaufhaltsam auf seinen elften Titel in Roland Garros zusteuerte, suchte ich meine Wandersachen zusammen und machte mich schließlich am späten Nachmittag auf den Weg nach Spiegelau.

Während der Autofahrt dorthin kreisten meine Gedanken leider weiterhin beinah ausschließlich um verschiedene Details des Umzugs und um eine ganze Reihe unterschiedlicher organisatorischer Aufgaben und Termine, die ich in den kommenden Tagen noch würde erledigen müssen. Oh ja, eine Wanderung durch den Wald, rauf auf einen Berg, war jetzt wirklich genau das Richtige, um meinen Kopf frei zu bekommen. 

Während der Sommermonate ist die Straße von Spiegelau hinauf zum Wanderparkplatz Gfäll tagsüber von 8 bis 18 Uhr für PKW gesperrt und so ist der Startpunkt des „Auerhahn“-Rundwegs in diesem Zeitraum nur mit dem Igelbus zu erreichen. Danach jedoch ist das Durchfahrtsverbot aufgehoben. Als ich ankam war es bereits kurz nach sieben. Da ich rechtzeitig zum Sonnenuntergang am Gipfel sein wollte, entschied ich mich für den kürzeren aber steileren Anstieg und so folgte ich besagtem Rundweg vom Parkplatz aus in Richtung Westen.

Als ich gut eine Stunde später den höchsten Gipfel des Nationalparks erreicht hatte, stand die Sonne immer noch relativ hoch am Himmel. Ich hatte also genügend Zeit, um mich auf einen Felsen zu setzen und in Ruhe auf die Dämmerung zu warten. Knapp drei Stunden vorher hatte ich es so eilig gehabt, raus in die Natur zu kommen, dass ich außer einer Flasche Wasser, einer Jacke und meiner Stirnlampe kaum etwas eingepackt hatte, nicht einmal Brotzeit. Mein Hunger hielt sich allerdings absolut in Grenzen und so genoß ich es einfach, ganz allein dort oben zu sitzen, der Stille zu lauschen, und nichts zu tun, außer den Himmel zu beobachten, der nun im Minutentakt seine Farbe(n) veränderte. In den vergangenen Tagen und Wochen hatte ich viel (zu viel) Zeit und Kraft darauf ver(sch)wendet, mir allemöglichen Gedanken über die Position der Möbel, den Kauf neuer Elektrogeräte, sinnvoll genutzten Stauraum, Raumklima, Heizkosten und dergleichen zu machen … hinzu kam allerlei organisatorischer Blödsinn – notwendiger Blödsinn natürlich, klar – wie beispielsweise der Besuch beim Einwohnermeldeamt, das Anlegen eines Kautionssparbuchs oder das Einrichten eines neuen Internetanschlusses. Das alles rückte hier am Berg endlich deutlich in den Hintergrund.

Eine Frage allerdings, die mich schon seit geraumer Zeit sehr stark beschäftigt und die im Zuge des Umzugs beinahe stündlich in meinem Kopf aufgetaucht war, ließ mich auch dort oben am Rachel nicht ganz los: brauchen wir wirklich all das Zeug, das sich in unseren Wohnungen ansammelt, um glücklich zu sein? Oder wären wir nicht sogar wesentlich glücklicher, wenn wir deutlich weniger davon besitzen würden? Am Gipfel eines Berges sitzend, nur das Notwendigste im Rucksack bei sich habend, erscheint die Antwort recht eindeutig: nein, wir brauchen all diese Sachen nicht. Trotz dieser Erkenntnis, die in der heutigen Zeit sicher von immer mehr Menschen geteilt wird, scheint die konsequente Umsetzung, der Verzicht, nicht ganz so einfach zu sein. Nicht ohne Grund sind zu diesen und ähnlichen Themen mittlerweile eine ganze Reihe Bücher und Ratgeber veröffentlicht worden. Ich weiß, dass es den Rahmen sprengen würde, sich ausführlicher mit dieser Thematik auseinander zu setzen. Will ich auch hier und jetzt gar nicht machen. Nur soviel: ich für meinen Teil, das hat mir auch dieser Umzug wieder einmal deutlich vor Augen geführt, will mich in Zukunft intensiv mit der Frage beschäftigen, wie sich die Menge an persönlichen Habseligkeiten auf ein vernünftiges Maß reduzieren lässt. Dazu ein andermal vielleicht mehr …

Nachdem sich die Sonne verabschiedet hatte und langsam die Dunkelheit über mir hereinbrach, begann ich, in aller Ruhe zum Parkplatz Gfäll hinunter zu wandern, denselben Weg, auf dem ich gekommen war. Eine Stunde später befand ich mich dann schon auf der Rückfahrt nach Passau. Gestärkt und mit ein wenig mehr Gelassenheit und Weitblick.

Dein Naturbua

 

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Daten zur Tour: Streckenlänge: 7,5 km  Anstieg: 504 hm  Startpunkt/Endpunkt: Parkplatz Gfäll  Highlights: Rachelseeblick, Gipfelpanorama  Schwierigkeitsgrad: mittel

Tipp des Tages: Den Sonnenuntergang wirklich ganz abwarten! Geht immer noch röter!

 

Regenfahrt im Mai

Liebes Internettagebuch,

Nun habe ich schon eine ganze Weile nichts mehr von mir hören lassen und auch heute, so glaube ich, wird es nur ein kurzer Eintrag werden. Es ist schon spät, ich bin gerade eben von der Arbeit nach Hause gekommen und bin entsprechend müde. Dabei hatte ich bereits vorgestern Nachmittag zum ersten Mal seit längerem wieder das Gefühl gehabt, etwas aufschreiben zu wollen. Zuvor war ich zwei Stunden lang mit dem Rennrad im Nieselregen unterwegs gewesen. Doch noch bevor ich beginnen konnte, meine Eindrücke zusammenzufassen, kam mir eine WhatsApp-Nachricht von Umberto dazwischen, in der er mich bat, abends spontan im Ristorante einzuspringen und so musste ich das Ganze noch einmal vertagen. Überhaupt war der Mai bislang größtenteils geprägt von langen, anstrengenden Abenden in der Pizzeria und spätem Zubettgehen. Dass ich seit meinem Ausflug in den bayerischen Wald vor knapp drei Wochen keinen Eintrag mehr verfasst habe, bedeutet natürlich keineswegs, dass ich nicht zumindest ab und zu draußen aktiv gewesen wäre oder nichts erlebt hätte, über das es sich zu schreiben gelohnt hätte. Tatsächlich habe ich in der Zwischenzeit zwei, drei kurze, aber sehr schöne Mountainbike-Ausflüge entlang des Kösselbachs und sogar eine lange Rennradtour in die Gegend um den Rannasee unternommen. Um ganz ehrlich zu sein, fehlte es mir schlichtweg an Muse bzw. Lust und Zeit, um mich an den Computer zu setzen und Gedanken und Erlebnisse der letzten Zeit in Worte zu fassen. Wie bereits erwähnt ist es auch heute wieder spät geworden und ich fühle mich ziemlich ausgelaugt, weswegen es mir gerade auch relativ schwerfällt, meine Gedanken zu ordnen und einen roten Faden für diesen Beitrag zu finden. Aber manchmal, finde ich, muss es auch erlaubt sein, einfach mal drauf los zu schreiben.

In den vergangenen drei Wochen durfte ich zum wiederholten Mal feststellen, wie hart der Job in der Gastronomie sein kann und was er einem teilweise abverlangt. Erst recht, wenn die Kollegen sich nacheinander in ihrem wohlverdienten Urlaub befinden und man selbst mehrere Tage bzw. Abende hintereinander bis spät in die Nacht im Einsatz ist. Versteh mich nicht falsch: ich bin wirklich froh, diese Erfahrung in den vergangenen Monaten gemacht zu haben; allein schon, um für den Rest meines Lebens die Arbeit all derer in ausreichendem Maße wertzuschätzen, die über Jahre hinweg in dieser Branche tätig sind, egal, ob als Bedienung, Köchin oder Koch, Thekenkraft oder Küchenhilfe. Ich persönlich jedenfalls musste letzte Woche, irgendwann zwischen Vater- und Muttertag, im Lager auf einem leeren Bierkasten sitzend, erschöpft und mit starkem Pfeifen in den Ohren feststellen, dass mich dieser Beruf auf Dauer viel zu viel Kraft und Energie kosten würde und ich daher mein Glück zukünftig woanders suchen sollte. Wenig überraschend hat es dann auch zwei, drei Tage gedauert, bis ich mich vom langen Wochenende mit den beiden Feiertagen, einem Junggesellenabschied und dem üblichen „ganz normalen Wahnsinn“ in der Dorf-Pizzeria erholt hatte. Nachdem ich Montag bis Mittwoch, mal abgesehen von ein wenig Bürokram und einer Autofahrt nach Ingolstadt, größtenteils damit verbracht hatte, mein Schlafdefizit aus den vorangegangen Nächten nachzuholen und neue Kraft zu tanken, fühlte ich mich vorgestern Nachmittag endlich ausreichend motiviert und ausgeruht, um nach über einer Woche mal wieder eine Runde mit dem Fahrrad zu drehen. Um gleich anschließend in den nächsten Fünf-Abende-Gastro-Marathon zu starten …

… so, liebes Tagebuch. Da bin ich wieder. Ich musste gestern Nacht abbrechen, weil ich einfach zu müde war, die Tippfehler sich häuften und ich dringend ins Bett musste. Die Tatsache, dass ich jemand bin, der nach der Arbeit nicht so leicht einfach abschalten und wie auf Knopfdruck einschlafen kann, sorgte in letzter Zeit zusätzlich dafür, dass ich oft bis zum Mittag des nächsten Tages (und manchmal auch noch länger) geschlafen habe. Wenn man dann die verbleibenden freien Stunden noch für die ein oder andere Fahrradtour nutzen will, darf man, was das Wetter angeht, nicht allzu wählerisch sein. Nachdem ich also am Donnerstag schon zwei Stunden im Nieselregen unterwegs gewesen war, wollte ich mich auch gestern Mittag von einem dunklen Himmel und ein paar Regentropfen nicht davon abhalten lassen, eine Runde mit dem Rennrad zu drehen. Getreu dem Motto „Es gibt kein schlechtes Wetter, nur falsche Kleidung“, holte ich wasserdichte Socken und meine Regenjacke aus der Schublade und machte mich ein wenig skeptisch aber doch optimistisch auf den Weg.

Ich hatte die Innstadt gerade in Richtung Ingling verlassen, da hatten sich die „paar Regentropfen“ auch schon in einen heftigen Gewitterschauer verwandelt. Unter lautem Donnergrollen erreichte ich das ehemalige Kloster und heutige Studentenwohnheim Hamberg am Ende eines kurzen, jedoch steilen Anstiegs, um dort oben etwas ausgepumpt und klatschnass festzustellen, dass sich der Himmel mittlerweile rund um Passau tiefschwarz gefärbt hatte. Nachdem ich beschlossen hatte, auf keinen Fall gleich wieder zurück nach Hause zu fahren, mich unterzustellen und in der Kälte abzuwarten aber auch keine zufriedenstellende Lösung zu sein schien, beschloss ich, in den sauren Apfel zu beißen und weiter durch den Regen in Richtung Schardenberg zu radeln, wo sich mit viel Optimismus eine Lücke in der ansonsten geschlossenen Wolkendecke erkennen ließ. Dieser Marschroute folgte ich in den nächsten eineinhalb Stunden kreuz und quer durch den Sauwald. Wann immer ich die Möglichkeit hatte, abzubiegen, entschied ich mich konsequent für die Straße, die mich weg von der Gewitterfront und in Richtung Sonne zu führen schien. Und während es in meinem Rücken immer weiter donnerte und regnete und in einiger Entfernung auch Blitze zu hören waren, fand ich mich von nun an größtenteils auf trockenem Asphalt wieder und entdeckte nebenbei auch noch eine mir bis dato völlig unbekannte Strecke in Richtung Engelhartszell.

Sommerliche Gewitter und Regenschauer erzeugen eine ganz besondere Stimmung innerhalb der Natur, die man, meiner Meinung nach, auf dem Rad besonders intensiv wahrnehmen kann. Aufgeregt zirpend und zwitschernd scheinen Grillen und Vögel sich untereinander lauthals über das Bevorstehende zu informieren, während ansonsten die Stimmung auf den Straßen von einer eigenartigen Stille geprägt ist, in der man selbst hauptsächlich die Regentropfen auf dem Asphalt und die durch Nässe deutlich veränderten Geräusche des eigenen Fahrrads wahrnimmt. Blitz und Donner dagegen, sorgen, je nachdem wie weit sie entfernt sind, durchaus für Unbehagen und setzen dadurch – zumindest bei mir – automatisch ein paar zusätzliche Kräfte frei, um möglichst schnell aus dem Gewitter rauszukommen.

Das für die Sauwaldregion so typische, stark wellige Profil hatte mich auf meiner Flucht vor dem Gewitter über Münzkirchen, Sankt Roman, Stadl und Sankt Ägidi mittlerweile wieder hinab zur Donau geführt, die ich nun auf der Brücke bei Niederranna überquerte. Ein Blick in den Himmel Richtung Passau verdeutlichte, dass sich die Wetterlage dort in den letzten beiden Stunden kaum verändert hatte und dass es schon mit dem Teufel würde zugehen müssen, sollte es auf den restlichen 30 Kilometern zurück nach Hause nicht noch einmal richtig nass und ungemütlich werden. Im Gegenteil: der mittlerweile kräftige Wind schien die dunklen Wolken geradewegs auf mich zuzutreiben. Um dem starken Gegenwind entlang des Donauufers zumindest noch einmal für ein paar Kilometer zu entkommen, entscheid ich mich, die Tour noch um eine weitere interessante Herausforderung zu verlängern und so folgte ich in Jochenstein der Straße bergan in Richtung Gottsdorf. Ein wirklich wunderschöner Anstieg, der mit seinen Steigungsprozenten und Serpentinen durchaus an alpine Passstraßen erinnert und der mir gestern, durchnässt und mittlerweile auch hungrig, mehr als sonst zu schaffen machte. Während ich im kleinsten Gang und mit deutlich nachlassender Kraft in den Oberschenkeln gerade dabei war, das steilste Stück vor der letzten Kurve zu bewältigen, erkannte ich in einiger Entfernung neben mir einen Bussard, der in etwa 20 Metern Höhe schwerelos durch die Luft glitt. Der Wasserdampf, der von der feuchten Wiese unter ihm aufstieg, sowie die dunkelblauen Regenwolken im Hintergrund bildeten den würdigen Rahmen für dieses imposante Bild eines Raubvogels auf Beutezug. Ein wenig beneidete ich den fliegenden Jäger in diesem Moment um die Eleganz und Leichtigkeit, mit der er in der Luft seine Kreise zog, während ich mich im Wiegetritt die letzten Meter des Anstiegs hinaufquälte.

Endlich oben angekommen waren es nur noch wenige Kilometer bis nach Untergriesbach. Nachdem ich mich dort in einem Supermarkt nicht nur ausreichend gestärkt, sondern auch gleich noch einen kräftigen aber kurzen Schauer abgewartet hatte, folgte ich der kurvenreichen Straße hinunter nach Obernzell. Von dort aus nahm ich schließlich die letzten knapp 20 Kilometer auf dem Donauradweg in Angriff. Und siehe da, als ich wenig später ziemlich erschöpft in Passau ankam, erwarteten mich am Ende einer anstrengenden  aber wunderschönen Regentour tatsächlich noch ein paar wärmende Sonnenstrahlen.  

Dein Naturbua

 

 

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Daten zur Tour: Streckenlänge: 90 km  Anstieg: 1500 hm  Startpunkt/Endpunkt: Innstadt Passau  Highlights: Kloster Hamberg, Kneiding, Natur im Sauwald, Donaupanorama, Anstieg nach Gottsdorf  Schwierigkeitsgrad: schwer

Tipp des Tages: österreichische Güterwege (sind auch so beschildert). Schmale, im Normalfall asphaltierte Straßen, zur Erschließung einzelner kleiner Siedlungen oder Einzelgebäude durch Fahrzeuge im ländlichen Raum -> perfekt für (Renn-)Radfahrer

Mit dem Bike zum Hochmoor

Liebes Internettagebuch,

Schon während meiner Winterwanderung durch die Schachten und Filze des Nationaparks Bayerischer Wald Ende März, war mir klar geworden, dass ich sobald wie möglich dorthin zurückkommen musste, um dieses ganz besondere Fleckchen Erde auch einmal schneefrei zu erleben. Gestern schien mir der richtige Tag dafür zu sein und so machte ich mich am Morgen auf den Weg Richtung Frauenau. Da ich nicht so viel Lust hatte, dieselbe Wanderung zum zweiten Mal innerhalb weniger Wochen zu unternehmen, beschloss ich, nicht nur einen anderen Startort zu wählen, sondern diesmal eine Radtour daraus zu machen und den Weg hinauf zum Hochplatteau mit dem Mountainbike zurückzulegen.

Vom hochsommerlichen Wetter tagszuvor verwöhnt, hatte ich zunächst gar nicht dran gedacht, mir den Wetterbericht genau anzuschauen und so war ich doch etwas überrascht, als ich bei dicht bewölktem Himmel und böigem Wind mit meinem Fahrrad an der Hand zum Auto ging. Zwar hatte ich am Abend zuvor ein langärmeliges Unterhemd und auch meine Regenjacke in den Rucksack gepackt, hatte jedoch nicht wirklich damit gerechnet, beides am nächsten Tag tatsächlich zu brauchen. Während ich also der B85 in Richtung Grafenau/Spiegelau folgte, ging mein Blick immer wieder nach oben in den Himmel, der vor allem über dem Rachel immer dunkler und wolkenverhangener zu werden schien. Nachdem ich aber in der Vergangenheit schon mehrfach festgestellt hatte, dass der bayerische Wald bei jeder Art von Witterung seine ganz besondere Faszination auf mich ausübt, beschloss ich, mir die Vorfreude auf meinen Ausflug davon nicht trüben zu lassen.

Als ich am Parkplatz Trinkwassertalsperre (Frauenau) ankam, wehte der Wind dann tatsächlich unerwartet stark. Auch die Temperatur war mittlerweile auf elf Grad gesunken und als ich mich auf mein Fahrrad setzte und losfuhr, war ich wirklich froh, warme Oberteile mitgenommen zu haben. Nach einem kurzen Teerstraßenstück bergauf, erreichte ich den Stausee. Und siehe da: während ich am Südufer entlang radelte, lösten sich die Wolkenfelder langsam auf und es wurde wärmer. Mit der sich immer mehr durchsetzenden Sonne im Rücken, begann ich den relativ langen Anstieg hinauf zum Hochschachten und erreichte etwa eine halbe Stunde später den Fahrradparkplatz am Rande der Bergwiese, bei deren Durchquerung vor vier Wochen ich mir noch gewünscht hatte, ich hätte die Schneeschuhe nicht im Kofferraum meines Autos gelassen.

Als ich wenige Minuten später, bei mittlerweile strahlendem Sonnenschein, am unteren Ende des waldfreien Hangs ankam, wurde mir einmal mehr die Schönheit und die Kraft der Natur bewusst und warum sie mich derart fasziniert. Innerhalb eines Monats hatte sich das karge, verschneite Feld und die wenigen kahlen Bäume darin in eine bunte, artenreiche und wirklich atemberaubende Frühlingslandschaft verwandelt. Unter einem blauweißen Himmel wanderte ich längs hinauf durch den Schachten, über Zwergsträucher, vorbei an mystischen Baumruinen, denen ich bei meinem Besuch Ende März niemals zugetraut hätte, dass sie wenige Wochen später abertausende hellgrüne Blätter tragen würden. Unglaublich schön.

Voller Vorfreude auf den Rest des Erlebnisrundweges „Wolf“ , der mich am Ende zurück zum Fahrradparkplatz führen sollte, verließ ich den Schachten und durchquerte auf Holzbohlen den Latschenfilz. Auch hier dasselbe faszinierende Bild: die Frühlingssonne hatte das Hochmoor in den vergangenen vier Wochen von den Schneemassen befreit und zum Leben erweckt. Unzählige Ameisen beim Bau ihrer einzigartigen Hügel, etliche Eidechsen, die auf den Holzplanken in der Sonne badeten, sowie mindestens ein Specht, der in der Nähe emsig gegen einen Stamm hämmerte; dazu die charakteristische Vegetation der Filze, bestehend aus verschiedenen Moosen, Beeren und den namensgebenden Latschen (kriechende Form der Bergkiefer). Am gleichnamigen See angekommen, entschied ich mich, eine Pause einzulegen, um Brotzeit zu machen, mich ein paar Minuten auf den Holzsteg zu legen und die Ruhe und Schönheit dieses Ortes zu genießen.

Noch während ich so ganz allein da lag, über die Moorlandschaft und das Wasser in den Himmel schaute und dabei dem Specht zuhörte, der weiterhin unermüdlich in seinem ganz eigenen Rhythmus gegen das Holz klopfte, musste ich an ein Gedicht denken, auf das ich einige Tage zuvor gestoßen war und dessen Bedeutung sich mir in diesem Moment ziemlich deutlich erschloss:

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Ich selbst bin 1984 in Freyung geboren worden und hab` mit meiner Familie bis zu meinem vierten Lebensjahr in Grafenau gewohnt. In den Jahren nach unserem Umzug nach Aicha vorm Wald besuchten wir aber weiterhin regelmäßig Verwandte, Freunde meiner Eltern und ehemalige Nachbarn im Landkreis FRG oder unternahmen Wanderungen in der Bayerwaldregion. Ich erinner mich noch gut, dass ich von diesen Ausflügen in Richtung „Woid“ in jungen Jahren meistens nicht sonderlich begeistert war. Zu fade erschien mir diese Gegend, zu einsam, zu abgelegen, zu weit weg von allem, was mir zu dieser Zeit wichtig war. Heute jedoch bin ich unendlich froh und dankbar darüber, den bayerischen Wald in den letzten Jahren für mich wieder neu entdeckt zu haben und nach und nach die „Sprache der Bäume“ wieder besser zu verstehen. Zumal diese Entdeckungsreise, trotz mittlerweile zahlreicher Bayerwaldtouren, auch noch lange nicht vorbei ist. So bin ich gestern beispielsweise zum ersten Mal überhaupt auf den Nationalpark-Radwegen unterwegs gewesen. Und auch in Sachen Wandern gibt es noch viele Strecken, die ich bislang noch nie ausprobiert habe.

Doch zurück zu meiner gestrigen Radtour/Wanderung: nach meiner Mittagsspause am See verließ ich den Filz über den Kohlschachten und kehrte nach einer etwa zweieinhalb Kilometer langen Rundweg-Wanderung schließlich zu meinem Fahrrad zurück. Nach einer kurzen Abfahrt Richtung Buchenau, beschloss ich die Tour noch ein wenig zu verlängern und so folgte ich dem Radweg R6 an der nächsten Abzweigung in Richtung Falkenstein. Wellig ging es anschließend weiter. Mehrere Male bot sich mir ein toller Blick über die Baumkronen hinweg, rüber zum Arbergipfel. Ich entschied mich, den Falkenstein ein andermal hochzuradeln und nahm stattdessen die schmale Teerstraße hinunter nach Scheuereck. Nach einer rasanten Abfahrt machte ich dort noch einen kurzen Abstecher ins Hirschgehege, ehe ich die letzten, größtenteils flachen Kilometer nach Buchenau in Angriff nahm. Von dort ging es zurück zur Trinkwassertalsperre Frauenau und zu meinem Ausgangspunkt, dem Parkplatz unterhalb Deutschlands höchstem Staudamm.

Obwohl ich die Schachten und Filze erst vor wenigen Wochen durchquert hatte, stellte ich im Auto zufrieden fest, dass ich gerade eine völlig andere Welt mit einer von der Natur komplett veränderten Flora (und zum Teil auch Fauna) hatte erleben dürfen. Wie wird all das wohl im Hochsommer oder gar im Herbst aussehen? Ich bin gespannnt …

Dein Naturbua

 

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Daten zur Tour: Streckenlänge 40 km (plus 2,5 km Rundweg „Wolf“)  Anstieg: 1050 hm  Startpunkt/Endpunkt: Parkplatz Trinkwassertalsperre (Frauenau)  Highlights: Stausee, Hochschachten, Latschenfilz, Latschensee, Kohlschachten, Rothirschgehege Scheuereck  Schwierigkeitsgrad: mittel bis schwer (Strecke kann auf ca. die Hälfte verkürzt werden, ebenso die Höhenmeter -> vom Fahrradparkplatz Hochschachten direkt nach Buchenau)

Tipp des Tages: Nationalpark-App runterladen (informativ und gut gemacht)

 

 

 

Vediamo

Liebes Internettagebuch,

Heute finde ich endlich die Zeit, um Dir von einer wunderschönen Radtour zu erzählen, die ich bereits am vergangenen Wochenende zusammen mit Umberto unternommen habe und die mir aus verschiedenen Gründen als eine außergewöhnliche Tour in Erinnerung bleiben wird. Sie führte uns, nachdem wir gegen Mittag in Aicha gestartet waren, unter anderem nach Schilding, Nußbaum, Pirking, Pretz, Enzersdorf, Almunzen, Mitterling, München, Auberg, Voglod, Atzldorf und Rappenhof. Alles Namen, die den meisten vermutlich nicht viel sagen werden. Wundern tut mich das nicht, handelt es sich dabei doch ausnahmslos um kleine, teilweise recht abgelegene Weiler bzw. Ortsteile, in die man sich im Normalfall nur äußerst selten verirrt. Sie bestehen aus ein paar wenigen Häusern oder Bauernhöfen, sind oftmals nur über schmale Teerstraßen zu erreichen und wenn nicht zufällig Bekannte oder Verwandte dort wohnen, gibt es jetzt auch keinen auf Anhieb ersichtlichen Grund, jemals mit dem Auto dort hin zu fahren. Mit dem Fahrrad jedoch lohnt sich ein Besuch dieser idyllisch gelegenen Ortschaften allemal. Aber schön der Reihe nach!

Normalerweise, wenn ich mich zu einer Runde mit dem Rennrad entschließe, dann überlege ich schon zu Hause, wie weit ich an diesem Tag ungefähr fahren möchte, wie lange ich etwa unterwegs sein will und ob es sich vom Profil her eher um eine flache (bei uns ohnehin kaum möglich), hügelige oder bergige Tour handeln soll. In den vergangenen Jahren bin ich wirklich viele Kilometer in den Landkreisen Passau, Deggendorf, Freyung-Grafenau oder auch im Bezirk Schärding herumgeradelt, sodass ich meine Ausflüge in der Gegend zwischen dem oberösterreichischen Sauwald und dem bayerischen Wald, was Kilometer, Höhenmeter und Zeitaufwand angeht, relativ gut einschätzen und vorausplanen kann. Freilich ist es oftmals recht nützlich, zu wissen, wie lange eine Fahrt in etwa dauern und wann man wieder zurück sein wird und dennoch würde ich mir wünschen, viel öfter einfach mal ohne konkretes Ziel loszufahren, um dann erst während der Fahrt zu sehen, wohin es mich verschlägt.

Und genau aus diesem Grund gehe ich so gerne mit Umberto Fahrradfahren. Im Normalfall verabreden wir uns sehr spontan zu einer gemeinsamen Runde. Und wenn wir dann, wie es sich für „Italiener“ gehört, mindestens 30 bis 60 Minuten nach dem verabredeten Zeitpunkt langsam losradeln (ich bin mindestens genauso oft schuld an der Verspätung wie er), haben wir meist noch absolut keinen Plan, wo es eigentlich genau hingehen soll. Wenn ich nachfrage, kommt von meinem neapolitanischen Freund in der Regel nur ein Achselzucken als Reaktion, gefolgt von einem zwanglosen: „Vediamo“. Die italienische Version des bayerischen „Schau ma moi“ prägt dann in der Folge die Streckenauswahl der gesamten Tour und so lief es auch am vergangenen Wochenende.

Es war unsere erste gemeinsame Runde mit dem Rennrad in diesem Jahr und somit war mir von vornherein klar, dass wir an diesem Tag nicht besonders schnell unterwegs sein würden. Und das war auch völlig in Ordnung so. Vielleicht lag es an eben dieser recht überschaubaren Geschwindigkeit, vielleicht an dem langen, schneereichen Winter, den wir heuer hatten oder aber an der Tatsache, dass ich vor kurzem ja krankheitsbedingt eine kleine Zwangspause in Sachen Radfahren hatte einlegen müssen. In jedem Fall kann ich mich lange nicht an einen Ausflug in die Natur erinnern, bei dem ich alles um mich herum so ungefiltert und bewusst wahrgenommen habe. Egal ob Gerüche, Sonnenstrahlen oder Fahrtwind, unterschiedliche Tiere auf den Wiesen und Weiden neben der Straße, Anwesen und Gärten an denen wir vorbeirollten, oder zahlreiche Blicke über Hügel und Felder – alles kam mir an diesem Tag wahnsinnig lebendig, farbenfroh, sehenswert und besonders schön vor. Und obwohl es sich, was die Temperaturen anging, am Wochenende so anfühlte, als wäre auf den Winter heuer sofort der Hochsommer gefolgt, schien es, als wolle die Natur in diesen Tagen demonstrativ alles zur Schau stellen, was den Frühling in meinen Augen so einzigartig macht. Blätter und Gräser, die in verschiedenen  Grüntönen leuchten, kleine Rinnsale und Bäche, die, mit Schmelzwasser angefüllt, neben der Straße dahinplätschern, fröhliches Vogelgezwitscher, intensive Gerüche und vor allem unzählige Bäume, Sträucher und Blumen, die in den unterschiedlichsten Farben blühen.

Das Schönste daran aber war, all diese Dinge derart intensiv und uneingeschränkt wahrzunehmen. Schon öfter hatte ich in letzter Zeit das Gefühl, in den vergangenen Jahren ein Stück weit aus den Augen verloren zu haben, worum es eigentlich geht, wenn man zu Fuß oder auf dem Rad in der Natur unterwegs ist. Ohne es zu merken, habe ich dabei an manchen Tagen nur noch Kilometer runtergerissen, mich viel zu sehr auf Zahlen und Trainingsdaten konzentriert und schon während der Fahrt hauptsächlich daran gedacht, die Runde anschließend bei Strava (soziales Netzwerk zum internetbasierten Tracking sportlicher Aktivitäten) hochzuladen. Natürlich darf und sollte  jeder, der draußen aktiv ist, für sich ganz persönlich entscheiden, was sie/ihn motiviert. Ich denke, nichts spricht gegen die Verwendung technischer Hilfsmittel, um für sich selbst zu erfahren, wie weit man gerade geradelt oder gewandert ist. Bedenklich finde ich lediglich die enorme Bedeutung, die wir diesen Dingen mittlerweile beimessen und die Abhängigkeit in die wir uns damit begeben. Ich für meinen Teil habe entschieden, dass es höchste Zeit ist, mich nicht länger von Smartphone-Apps wie Strava oder Runtastic und dem daraus resultierenden Vergleich mit anderen unter Druck setzen und von der ursprünglichen Einfachheit, Unbekümmertheit und Schönheit einer Radtour oder einer Wanderung ablenken zu lassen.

Am Samstag jedenfalls ging es uns nicht im Geringsten darum, irgendwann, irgendwo anzukommen und schon gar nicht mit der schnellstmöglichen Durchschnittsgeschwindigkeit. Wir konnten es einfach voll und ganz genießen, mit dem Rad draußen unterwegs zu sein und wählten dabei, so oft es nur ging, unbefahrene Nebenstraßen. Umberto und mich verbindet in diesen Momenten tatsächlich eine Art kindlicher Entdeckerdrang, über den wir beide oftmals schmunzeln müssen. An Kreuzungen oder Abzweigungen entscheiden wir uns meist einfach für den Weg, den wir beide (oder zumindest einer von uns) zuvor noch nie geradelt sind (ist). Speziell beim Mountainbiken hat es uns auf diese Weise schon an ganz besondere, abgelegene und wirklich faszinierende Plätze verschlagen. Am Wochenende landeten wir  nach etwa 30 Kilometern über „Umwege“ in Fürsteneck, wo wir uns eine Pause gönnten, um das gleichnamige Schloss anzuschauen. Über die Schrottenbaummühle gelangten wir anschließend in Tittling auf den Donau-Ilz-Radweg und folgten diesem bis nach Nammering. Von dort ging es zurück nach Aicha.

Vorgestern entschied ich mich, angetrieben von den Erlebnissen am Samstag, dasselbe Prinzip für eine kurze Solo-Tour nach Österreich anzuwenden und so verließ ich die Passauer Innstadt in Richtung Ingling, um anschließend, etwa auf Höhe der Uni, der steilen Straße hinauf zum Kloster Hamberg zu folgen. Noch nie zuvor hatte ich diesen Berg in Angriff genommen. Zwei Stunden später hatte ich nicht nur eine völlig neue Strecke nach Wernstein entdeckt, sondern war gut 50 Kilometer kreuz und quer auf Güterwegen und schmalen Straßen durch den Sauwald geradelt. Klar war nur, dass ich irgendwann wieder in Passau ankommen würde, dazwischen wollte ich einfach möglichst viel Neues ausprobieren und die Zeit auf dem Fahrrad genießen. Ein wirklich tolles Gefühl, kann ich Dir sagen.

Dein Naturbua

 

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Daten zur Tour: Streckenlänge: 53 km  Anstieg: 1000 hm  Startpunkt/Endpunkt: Aicha v. Wald  Highlights: zahlreiche kleine Ortschaften, abwechslungsreiches Profil, Ilzüberquerungen, Schloss Fürsteneck  Schwierigkeitsgrad: mittel bis schwer (relativ viele Höhenmeter)

Tipp des Tages: öfter mal neue, unbekannte Wege gehen!

Nicht selbstverständlich …

Liebes Internettagebuch,

Vor einigen Tagen bin ich abends Richtung Aicha gefahren. Ich hörte  Musik. Ein Album, das ich zuvor sehr lange nicht mehr gehört hatte. Der Fahrtwind wehte durch die halbgeöffneten Fenster ins Innere meines Busses und die tiefstehende Sonne schien in dunklem Orange durch die Frontscheibe in mein Gesicht. In diesem Moment bekam ich Gänsehaut, Wärme breitete sich in meinem Bauch aus und ich musste kurz der Verlockung widerstehen, die Hände vom Lenkrad zu nehmen, meine Augen zu schließen, und einfach ein bisschen zu „fliegen“. Ich hab´ keinen besonders eingängigen, oder gar blogtauglichen Namen für Momente wie diesen, aber es gibt sie … von Zeit zu Zeit. Und wenn sie da sind, erkenne ich sie … ich versuche sie auszukosten und egal wie lange sie dauern, ich bin dankbar dafür. Für gewöhnlich tu´ ich mich schwer damit, eine Erklärung oder einen konkreten Grund zu finden für das Gefühl, das mich in solchen Situationen durchströmt. Aber ich arbeite momentan ohnehin daran, die Dinge öfter einfach anzunehmen und sie nicht ständig so fürchterlich rational erklären und analysieren zu wollen, wie ich das leider (immer noch) viel zu oft mache.  

Tatsächlich überkam mich bereits tagsdarauf , bei meiner ersten Radtour seit genau zwei Wochen, kurz vor Grübmühle bei Tiefenbach, zum zweiten Mal innerhalb von nicht einmal 24 Stunden der Drang den Lenker loslassen zu wollen. Diesmal gab ich der Versuchung nach und so sauste ich mehrere hundert Meter freihändig, mit ausgebreiteten Armen den Berg hinunter. In dem Moment wurde mir klar, dass das wunderbare Gefühl, das ich schon am Vortag gespürt hatte, wohl damit zusammenhing, dass es nach zwei Wochen, die geprägt waren vom Kranksein, viel zu viel Schlafen, stundenlanger Netflix-Glotzerei, Antriebslosigkeit und teilweise recht trüben Gedanken, endlich wieder aufwärts ging – körperlich aber vor allem auch im Kopf.

Als ich während unseres Hüttenurlaubs kurz vor Ostern mit einem Infekt im Bett lag, las ich in einem Buch des Autors John Strelecky (Das Cafe am Rande der Welt, Safari des Lebens, The Big Five for Life) dessen ungewöhnliche Gedanken zum Thema „krank sein„. Wenn man tagelang mit Grippe im Bett liegt und kaum aufstehen kann, schreibt er, haben Dinge, die einem vorher ach so wichtig vorkommen, plötzlich keine große Bedeutung mehr. Schon erstaunlich, wie sich innerhalb kürzester Zeit die Perspektive ändere, so Strelecky. Ich gebe ihm recht. Allerdings habe ich auch gemerkt, dass sich diese Dinge, wenn die schlimmsten Symptome ersteinmal abgeklungen sind, die Bedeutung, die sie in den Tagen der Krankheit eingebüßt haben, still und heimlich, aber unaufhaltsam zurückerobern. Zumindest lief das bei mir so. Als ich nach dem Osterwochenende wieder einigermaßen symptomfrei, aber immer noch ziemlich kraftlos war, da machten sich in meinem Kopf nämlich sehr wohl wieder Themen wie der Abgabetermin eines Artikels, die Arbeit in der Pizzeria am darauffolgenden Wochenende, die Übergabe meiner Wohnung vor unserem Umzug, oder einfach eine schwer zu beschreibende, gar nicht mal konkrete Niedergeschlagenheit breit. Am meisten jedoch hatte ich mit der Tatsache zu kämpfen, dass ich weiterhin gezwungen war auf Wandern oder Fahrradfahren zu verzichten. Einigermaßen bescheuert, ich weiß. Aber ich muss leider zugeben, dass Ungeduld schon immer eine meiner größten Schwächen gewesen ist und dass es mir auch jetzt, mit 33 Jahren, oftmals noch nicht gelingt, einzusehen, dass manche Dinge einfach Zeit brauchen bzw. sich nicht beeinflussen lassen.

Egal, am Montag dieser Woche saß ich dann endlich wieder im Sattel und was soll ich sagen – es fühlte sich toll an. Okay, die Beine waren schwer, das Atmen, speziell bergauf, fiel mir teilweise nicht so leicht und alles in allem mangelte es mir definitiv noch spürbar an Spritzigkeit und Kraft, aber ich konnte endlich wieder draußen (aktiv) sein. Als ich so in Richtung Aicha dahin radelte, vorbei an grünen Wiesen, Böschungen voller Krokusse und Buschwindröschen, in KURZER Hose und ohne die Windweste, die ich mir noch etwas pessimistisch hinten in die Trikottasche gesteckt hatte, da wurde mir plötzlich klar, dass auch für mich jetzt endlich der Frühling begonnen hatte. Und während ich mich in den Tagen zuvor, teilweise mit Mütze und dicker Jacke ausgerüstet,  wie eine Art Alien gefühlt hatte, zwischen all den grillenden, sommerlich gekleideten und so abartig gut gelaunten Passauer Studenten, schien sich meine Gefühlslage nun endlich zu verändern.

Und noch etwas wurde mir im Verlauf meiner zweistündigen Runde nach Aicha, Neukirchen, Kalteneck und Ruderting klar. Nämlich, dass es absolut nicht selbstverständlich ist, dass ich in den vergangenen Jahren Tausende von Kilometern auf dem Rad unterwegs gewesen war, ohne auch nur ein einziges Mal für längere Zeit pausieren zu müssen; dass ich einige Stürze mit dem Mountainbike überstanden hatte, ohne mich dabei auch nur einmal ernsthaft zu verletzen; und, dass ich mich generell glücklich schätzen kann, die Zeit und die Mittel zu haben, um viele viele Stunden wandernd und radfahrend, bei bester Gesundheit, allein oder mit Freunden, draußen in der Natur verbringen zu können. Der ein oder andere mag das jetzt für eine nicht sonderlich erwähnenswerte Erkenntnis halten, für mich jedoch ist es das durchaus.

Als hätte es an diesem Tag noch eines letzten, tragischen Beweises für meine Sichtweise bedurft, las ich nach meiner Rückkehr nach Passau am Abend die Meldung, dass der am Tag zuvor schwer gestürzte 23-jährige belgische Radprofi Michael Goolaerts in der Nacht in einem Krankenhaus in Lille gestorben war. Unglaublich. Besonders nachdenklich machte mich in diesem Zusammenhang die Reaktion des Radsport-Journalisten James Stout, der auf Twitter erklärte: „Als ich 23 war, bin ich in Belgien Rennen gefahren. Wir dachten alle, wir wären unverwundbar. Niemand rechnete damit, ein Radrennen zu starten, dass er nie beenden würde. Genießt jeden Moment auf dem Rad so sehr wie dieser Junge es tat.“

All diese Gedanken und Themen schwirrten mir auch gestern noch im Kopf herum, als ich mit meinem Bruder im Auto in Richtung Waldhäuser unterwegs war. Am Abend zuvor hatten wir ausgemacht, zusammen eine Wanderung im bayerischen Wald zu unternehmen. Den Lusen wollten wir raufgehen. Allerdings hatten wir entschieden, den weniger bekannten, oder zumindest von viel weniger Leuten benutzen Weg über Martinsklause und Teufelsloch in Angriff zu nehmen. Bereits im Winter hatte ich diese Tour einmal allein unternommen, damals noch mit Schneeschuhen. Auch gestern, trotz frühlingshafter Temperaturen, hatten wir diese vor der Abfahrt noch in den Kofferraum geworfen, uns dann aber am Startpunkt Parkplatz Fredenbrücke (ca. einen Kilometer vor der Ortschaft Waldhäuser) dafür entschieden, sie doch im Auto zu lassen. Mal wieder [wie bei der Schachtenwanderung vor drei Wochen :)] stellte sich das als falsche Entscheidung heraus.

Wurzlig, steinig, aber größtenteils schneefrei, gesäumt von bunten Frühlingsblumen, führte der Weg zu Beginn entlang der kleinen Ohe, die, im Vergleich zum Januar, jetzt durch das viele Schmelzwasser an manchen Stellen als schäumender, rauschender Wildbach den Berg herunter kam. Tatsächlich befindet sich die Natur im bayerischen Wald gerade in gewisser Weise zwischen den Jahreszeiten. Und nach etwa zwei Kilometern, nach der Martinsklause, waren wir, zumindest was die Verhältnisse am Boden anbelangte, endgültig wieder im Winter angekommen. Der Rest der Strecke bis zum Gipfel war deshalb geprägt von unerwartetem Einsinken in den vom Tauwetter aufgeweichten, aber immer noch recht tiefen Schnee. Manchmal nur wenige Zentimeter, teilweise jedoch bis zu den Knien und das ein oder andere Mal steckten wir tatsächlich bis zum Hintern fest. Wir nahmen es mit Humor. Schließlich hatten wir genug Zeit. Und als wir auf Höhe der gläsernen Arche auf den Sommerweg trafen, wurde es auch wieder ein wenig leichter, zumindest was das Einsinken anging. Wer die Himmelsleiter unterhalb des Blockmeeres kennt, der weiß, dass diese, erst recht bei Schnee, einen nochmal richtig ins Schwitzen bringt. Doch ebenso weiß jeder, der den Lusen kennt, dass der Blick am Gipfel gepaart mit einer Brotzeit, die Anstrengung wert ist.

Beim weitaus weniger beschwerlichen Abstieg über den Winterweg, sowie auf den letzten Kilometern entlang der Straße zurück nach Waldhäuser und anschließend hinunter zum Ausgangspunkt Fredenbrücke, hatte ich dann die Gelegenheit, die Gedanken der letzten Tage noch einmal aufzugreifen. Als am Ende eines wunderschönen Tages die Sonne unterging, hatte ich verstanden, dass auch eine Wanderung mit dem Bruder bzw. die Tatsache, sich super mit ihm zu verstehen, viele gemeinsame Gesprächsthemen zu haben und dieselben Leidenschaften zu teilen, absolut nichts ist, das man als selbstverständlich hinnehmen sollte.

Dein Naturbua

 

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Daten zur Tour: Streckenlänge: 12km  Anstieg: 566 hm  Start-/Endpunkt: Parkplatz Fredenbrücke  Highlights: kleine Ohe, Martinsklause, Himmelsleiter, Gipfelblick  Schwierigkeitsgrad: Mittel

Tipp des Tages: Wassermanns Fiebertraum (Band) – Musik ohne Text lässt so viel Freiraum für individuelle Emotionen.

 

 

Almfrieden

Tja, liebes Internettagebuch,

Jetzt komm` ich doch früher zu meinem nächsten Eintrag als erhofft. Der Grund: ich bin krank und obwohl ich ja eigentlich vorhatte, während unseres Aufenthalts in den Alpen weitestgehend auf digitale Medien zu verzichten, bin ich jetzt irgendwie doch ganz froh, dass ich mich, von einer Grippe ans Bett gefesselt, auf diese Weise ein wenig ablenken, meine Stimmung in Worte fassen und meine Gedanken mit Dir teilen kann. Viele dieser Gedanken befassen sich derzeit, wie letztens bereits erwähnt, mit dem Begriff der Gelassenheit. Mit ihr, ebenso wie mit ihren nahen Verwandten Ausgeglichenheit und innere Ruhe, scheint es so eine Sache zu sein. Man kann darüber nachdenken, viel darüber lesen oder auch darüber schreiben und dennoch: auf Knopfdruck abrufen lassen sie sich nicht.

Da ist man mit zwei wertvollen und ganz besonderen Menschen auf einer gemütlichen, kleinen Hütte in den österreichischen Bergen, draußen schneit es, der Holzofen knistert, man hört keine Autos, hat keine Termine und Themen wie die Deadline zur Abgabe eines Artikels für eine Fachzeitschrift Mitte April konnten halbwegs erfolgreich auf „nach dem Urlaub“ vertagt werden. Gute Bedingungen, möchte man meinen, für ein angenehmes Gefühl der Ruhe und Entschleunigung und für einen gesunden, erholsamen Schlaf. Warum also saß ich in unserer ersten Nacht auf der Hütte um 5 Uhr Früh schlaflos in der Stube am Tisch und schrieb meine mitunter kreisenden Gedanken in ein Buch? Lag es an der (durchaus ungewohnten) völligen Stille am Berg, der fremden Umgebung, oder doch am trockenen Reizhusten, der sich schon am Mittag bei der Abfahrt in Passau gemeldet hatte und den ich (zugegeben: etwas pessimistisch) als ersten Vorboten einer Erkältung ansah. Vielleicht einfach alles zusammen. Jedenfalls hatte ich in den Stunden zuvor vergeblich versucht einzuschlafen, hatte schließlich angefangen, mich reinzusteigern und saß jetzt hundemüde, kränkelnd und ziemlich desillusioniert mit einer Tasse Husten- und Bronchialtee und einer zweiten Tasse voll mit Schlaftee auf der Eckbank, innständig daurauf hoffend, dass diese Heißgetränke ganz schnell die versprochene Wirkung entfalten würden.

Oh, liebes Tagebuch, wie gern würde ich jetzt erzählen, dass ich anschließend wieder zu Maria ins Bett kroch, mir gleich darauf die Augen zufielen und ich mich am nächsten Tag gesund und munter zu einer ersten kleineren Wanderung in der Umgebung unserer Unterkunft aufmachen konnte. Leider war ich eine Stunde später immer noch wach. Fest entschlossen, das ganze Durcheinander (inklusive Ohrgeräusche) in meinem Kopf jetzt nicht ausarten zu lassen, entschied ich mich dazu, aufzustehen. Nach einem langen Gespräch mit Susi, folgte gegen Mittag dann die etwas schwer zu verdauende Erkenntis, dass ich mir wohl tatsächlich einen grippalen Infekt eingefangen hatte und so verbrachte ich den Rest des zweiten Urlaubstages mit fiesem Husten, heftigen Rachen- und Gliederschmerzen und dieser furchtbar unangenehmen Mischung aus Schwitzen und Frieren schlafend auf der Couch bzw. im Bett. Als es mir am Abend schlagartig etwas besser ging, keimte in mir ein Fünkchen Hoffnung, dass ich vielleicht doch in den uns verbleibenden zwei Tagen wieder fit genug werden würde, um zumindest ein wenig rausgehen oder im besten Fall sogar eine circa zwölf Kilometer lange Wanderung zur Ostpreussenhütte unternehmen zu können.

Nach einer weiteren unruhigen, beinahe schlaflosen Nacht und der ernüchternden Erkenntnis, dass die Grippesymptome seit gestern keinesfalls abgeklungen waren, sondern sich tatsächlich sogar eher verschlimmert hatten, wurde mir jedoch am Morgen endgültig klar, dass es an der Zeit war, einzusehen, dass in diesem Urlaub keine Outdoor-Aktivitäten mehr möglich sein würden. Zwar regnete es heute fast den ganzen Tag und der teilweise böige Wind peitschte mitunter ganz schön heftig gegen unsere Hütte – auch hatten wir den Ausflug ohnehin vor allem als Möglichkeit eines Tapetenwechsels, des Zurruhekommens und des Abschaltens gesehen – und doch dürfte jeder der Bergwandern bzw. generell Sport zu seinen Hobbys zählt, wissen, wie schwer es einem fallen kann, darauf verzichten zu MÜSSEN. Erst recht natürlich, wenn man für vier Tage in einer Almhütte wohnt und umgeben ist von Tennengebirge, Hagengebirge und Hochkönig.

Durch das Fenster fällt mein Blick gerade auf die wolkenverhangenen Gipfel eben dieses Tennengebirges, das auf der gegenüberliegenden Seite des Salzachtals aufragt. Beim Betrachten dieses beeindruckenden Panoramas muss ich an einen Geo-Artikel über eine polnische Winterexpedition zum K2 denken, den ich vor einiger Zeit in einem Wartezimmer gelesen habe. Vor wenigen Tagen erst hatte ich online dann erfahren, dass das Vorhaben der zehnköpfigen Gruppe nach etlichen Rückschlägen, verletzungsbedingten Ausfällen und nicht zuletzt aufgrund der schlechten Witterung, abgebrochen wurde. Ich versuche mir gerade vorzustellen, wie es sich für die passionierten Bergsteiger anfühlen musste, monatelang darauf hinzuarbeiten, den zweithöchsten Berg der Erde zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit im Winter zu besteigen, durch die halbe Welt anzureisen, das Basislager aufzuschlagen und dann nach wochenlangen Entbehrungen, gescheiterten Aufstiegsversuchen und unterschiedlichsten Schicksalsschlägen die Entscheidung des Expeditionsleiters, Krzysztof Wielicki, zu akzeptieren, sich auf den Heimweg zu machen, ohne das erklärte Ziel erreicht zu haben. Nun will ich eine Grippe während eines Hüttenurlaubs natürlich keinesfalls mit einer gescheiterten Expedition auf den Gipfel des vermutlich am schwersten zu bezwingenden Berges der Erde vergleichen und dennoch werden die Teilnehmer dieses Abenteuers am Ende gut daran tun, sich den selben Satz vor Augen zu halten, den ich mir heute schon mehrfach versucht habe, wirklich zu Herzen zu nehmen: Manche Dinge kann man nicht ändern; es hat (diesmal) wohl einfach nicht sollen sein.

Dein Naturbua

 

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Tipp des Tages: Was nützt der schönste Ausblick, wenn Du nicht aus dem Fenster schaust (Buch)