„Kopf aus, Herz an!“

Als der kleine Prinz einschlief, nahm ich ihn auf meine Arme und setzte den Weg fort. Ich war bewegt. Es schien mir, als trüge ich ein zerbrechliches Juwel. Es schien mir, als gäbe es nichts Zerbrechlicheres auf der Erde. Im Licht des Mondscheins betrachtete ich seine blasse Stirn, seine geschlossenen Augen und seine im Wind zitternden Locken und sagte mir: „Was ich hier sehe, ist nur eine Hülle. Das Eigentliche ist unsichtbar …“ Seine leicht geöffneten Lippen zeichneten ein halbes Lächeln. Ich sagte mir noch: „Was mich so sehr an diesem verschlafenen kleinen Prinzen bewegt, ist seine Treue zu einer Blume, es ist das Bild einer Rose, das ihn durchscheint wie die Flamme einer Lampe, sogar wenn er schläft …“ Da kam er mir noch zerbrechlicher vor. Man muss die Lampen schützen, denn ein Windstoß kann sie auslöschen … Antoine de Saint-Exupéry

Oh je, liebes Internettagebuch,

jetzt ist es wirklich schon sehr lange her, dass ich dir von einem meiner Ausflüge in die Natur berichtet habe. Was keinesfalls bedeutet, dass ich während der Wintermonate nicht draußen unterwegs gewesen wäre oder gar, dass die Unternehmungen es nicht wert gewesen wären, davon zu erzählen. Um ehrlich zu sein: es fehlte mir seit dem Spätherbst des vergangenen Jahres oftmals schlicht an ausreichend Motivation und Muse, um mich im Anschluss an eine Schneeschuhwanderung an den Laptop zu setzen und das Erlebte niederzuschreiben. Zu Beginn des Winters habe ich es noch ein paar Mal probiert. Hab´ versucht meine Gedanken zu ordnen und anschließend angefangen zu schreiben, dann aber jedes Mal enttäuscht festgestellt, dass es einfach nicht so recht klappen wollte und dass ich das, was mich während der Wanderung beschäftigt und worüber ich nachgedacht hatte, nicht entsprechend in Worte fassen konnte. Oft hat es sich dann sogar beinah so angefühlt, als würde ich an einer Hausarbeit für die Uni oder an einem Artikel arbeiten, den ich in Kürze abgeben müsste. Aus irgendeinem Grund spürte ich plötzlich Druck. Den Druck, etwas abliefern zu müssen. Und das erschien mir keinesfalls sinnvoll. So war das hier beim besten Willen nicht gedacht. Und aus diesem Grund entschied ich mich letztlich dazu, erst einmal zu pausieren und keine weiteren Blogbeiträge mehr zu verfassen – und zwar so lange, bis es mir wieder richtig Spaß machen würde.

Auch als ich mich vorgestern Vormittag mit dem Fahrrad in Richtung Ilz aufmachte, dachte ich ehrlich gesagt keine Sekunden daran, dir heute davon zu erzählen. Ich wollte einfach mal wieder raus. In den vergangenen zwei Monaten war ich nämlich so gut wie gar nicht ernsthaft in der Natur unterwegs gewesen und ich spürte, dass es nun wirklich höchste Zeit war, dies zu ändern. Und so radelte ich nach dem Frühstück hinüber nach Hals und anschließend weiter bis zum Stausee Oberilzmühle. Nachdem ich mein Fahrrad an der Staumauer abgestellt hatte, folgte ich zu Fuß dem Ilztalwanderweg in Richtung Fischhaus. Vorbei an alten Holzzillen und bunten Kajaks, die zu Dutzenden am Ufer des Stausees im Wasser liegen, verläuft der abwechslungsreiche Weg auf den folgenden Kilometern direkt am Fluss entlang. Schmale Rinnsale und leise plätschernde Bäche mit kleinen Wasserfällen, Holzbrückchen und Stege, verliebte Entenpärchen mit ihrem Nachwuchs, grüne Wiesen, singende Waldvögel und das dunkle, fast schwarze Wasser der Ilz auf seinem Weg zur Donau hin, bildeten in den folgenden dreieinhalb Stunden den passenden Rahmen, um ein wenig abzuschalten und noch einmal in Ruhe die Ereignisse der vergangenen Wochen Revue passieren zu lassen. Was war das doch für eine emotionale Achterbahnfahrt gewesen in diesem Frühjahr. Marias Schwangerschaft, Umzug (ja, du hast richtig gehört, liebes Tagebuch, wir sind schon wieder umgezogen), Abschiednehmen von einem Freund, kurze Eingewöhnungszeit in der neuen Wohnung und schließlich die Geburt unseres Sohnes, fünf Wochen vor dem errechneten Termin. Das alles hatte seine Spuren hinterlassen.

Nachdem ich etwa eine Stunde flussaufwärts gewandert war, blieb ich auf einem etwas maroden Steg sitzen, aß einen Apfel und trank einen großen Schluck Wasser. Die letzten Tage waren relativ anstrengend gewesen und ich hatte mich müde, aber vor allem psychisch nicht sonderlich stabil oder gar ausgeglichen, gefühlt. Hier, im Naturschutzgebiet am Ufer der Ilz, hatte ich gehofft, ein wenig neue Kraft und Energie tanken zu können. Als ich so auf dem Steg saß und einige Minuten lang nur auf die dunkle Wasseroberfläche und die Bäume am gegenüberliegenden Ufer starrte, fielen mir die Worte einer lieben Freundin ein, die sie mir wenige Stunden vor Janoschs Geburt in Form einer knappen WhatsApp-Nachricht mit auf den Weg gegeben hatte: „Kopf aus und Herz an. Genieß es, jetzt fängt das Wunder an!“, hatte sie geschrieben. Tatsächlich war ich in den ersten Stunden und Tagen, trotz all der Unsicherheiten und Sorgen, die eine Frühgeburt zwangsläufig mit sich bringt, so ruhig, so bei mir, so fokussiert auf das Wesentliche, wie ich es wohl selten zuvor in meinem Leben gewesen war. Ein paar Tage nach der Geburt, draußen war es gerade dunkel geworden, lag ich in unserem Zimmer in der Kinderklinik im Bett und las meinem neugeborenen Sohn aus Antoine de Saint-Exupéry´s „Der kleine Prinz“ vor. Janosch lag mucksmäuschenstill auf meiner Brust und ich spürte, wie sich sein winziger Körper bei jedem Atemzug ganz leicht hob und wieder senkte. Seine Mama lag neben uns. Das Glücksgefühl in diesem Moment lässt sich kaum beschreiben. Keine Frage: mein Kopf war aus, mein Herz war an.

Im Laufe der letzten Woche hatte ich dann allerdings bemerkt, dass mein Kopf es irgendwie geschafft hatte, sich Schritt für Schritt am Herz vorbei wieder deutlich in den Vordergrund zu drängen. Plötzlich spielten Themen wie Arbeit, die ein oder andere Alltagsverpflichtung und Zukunftsfragen, sowie die damit verbundenen kleineren und größeren Sorgen und Ängste wieder eine viel bedeutendere Rolle, als dies noch in den eineinhalb Wochen zuvor der Fall gewesen war. Warum? Was war passiert? Und wie lässt sich dieser vermaledeite Kopf wieder abstellen? […] Am Wendepunkt meiner Wanderung angekommen, musste ich feststellen, dass ich den Großteil der zweiten Hälfte des Hinwegs nach Fischhaus damit verbracht hatte, über genau diese Fragen bzw. deren Antworten zu sinnieren. Dabei hatte ich, ohne es zu merken, die eigentlichen Ziele meines Ausflugs, nämlich ein wenig abzuschalten und den Kopf frei zu bekommen, aus den Augen verloren. Anstatt die Natur zu genießen und bewusst den Moment zu erleben, hing ich plötzlich in einer nervigen und energieraubenden Gedankenspirale fest. Veflixte Sache dieses Gehirn, wirklich wahr!

Ein wenig „verärgert“ über mich selbst, beschloss ich, besagte Spirale zu durchbrechen und mich für die Dauer des Rückweges wieder auf die natürliche Schönheit des Ilztales zu fokussieren. Zum Glück steht die rechte Flussseite zwischen Fischhaus und Oberilzmühle ihrem Pendant am linken Ufer in Sachen Abwechslungsreichtum und Naturerlebnis in nichts nach. Was mich in diesem Zusammenhang immer wieder erstaunt, ist die Tatsache, dass man, meiner Erfahrung nach, auf diesem Abschnitt des Ilztalwanderweges selten Menschen begegnet. Auch vorgestern traf ich während der gesamten Wanderung gerade einmal drei Menschen – zwei Forstarbeiter und dazu einen Angler, der, bis zur Hüfte im Wasser stehend, an seiner Zille herumwerkelte. Ansonsten hatte ich das Ilztal an diesem Tag praktisch ganz für mich allein. Was natürlich nicht heißen soll, dass es beim Wandern nicht zu ganz wunderbaren Erlebnissen mit Gleichgesinnten kommen kann, im Gegenteil: ich befand mich bereits radelnd auf dem Rückweg nach Passau, als mich, ungefähr auf Höhe der Triftsperre, ein älterer Mann ansprach und bat, ihm „nur kurz“ zu erklären, wie er am besten mit dem Fahrrad nach Kalteneck käme. Wer mich kennt, der weiß, dass kurze Erklärungen nicht gerade meine allergrößte Stärke sind und so kam es, dass der äußerst sympathische und ebenfalls recht gesprächige Herr und ich uns erst 45 Minuten später wieder voneinander verabschiedeten. Aus einer, mehr oder weniger, kurzen Wegbeschreibung meinerseits, hatte sich nämlich ein wirklich interessantes und kurzweiliges Gespräch über Themen wie Fahrradfahren in der Region, Wohnmobilreisen nach Skandinavien, steigende Campingplatzpreise in Italien und Spanien, Massentourismus und schließlich meinen neugeborenen Sohn entwickelt. Letzteres Thema hatte dazu geführt, dass ich es nun kaum noch erwarten konnte nach Hause zu kommen, zu duschen und dann sofort weiter in die Kinderklinik zu Maria und Janosch zu radeln. Dort durfte ich dann am Ende eines ereignissreichen Tages zufrieden und ausgeglichen feststellen, dass ich irgendwo zwischen Fischhaus und Hals den Ausschalter für meinen Kopf scheinbar doch noch gefunden hatte.

Gute Nacht, liebes Tagebuch. Bis bald, vielleicht.

Dein Naturbua

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Daten zur Tour. Streckenlänge: 26 km (12 km Fahrrad, 14 km Wandern) Anstieg: 345 hm Startpunkt/Endpunkt: Altstadt Passau Highlights: Ruine Hals, Triftsperre, Stausee Oberilzmühle, diverse Blicke auf die Ilz Alternativen: Startpunkt frei wählbar (Passau, Hals, Triftsperre, Oberilzmühle, Mausmühle, Fischhaus) Schwierigkeitsgrad: einfach

Tipp des Tages: Nordtangente Nein

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