Von der Freiheit des Wanderns

Liebes Internettagebuch,

vor etwa zwei Wochen habe ich meine bis dato letzte Radtour entlang der Donau in Richtung Jochenstein gemacht. Kurz nachdem ich losgefahren war, kam ich in der Innstadt an einem kleinen Bolzplatz vorbei, auf dem ein paar Kinder im Grundschulalter Fußball spielten. Ich blieb kurz stehen, um die Ärmel meiner Jacke abzunehmen, denn ich hatte mich für diesen sonnigen Novembertag doch ein wenig zu warm angezogen, und verharrte anschließend ein paar Augenblicke, um zuzusehen, wie die Jungs dem Ball hinterherjagten. Als ich wenig später meine Fahrt donauabwärts fortsetzte, musste ich an meine eigene Kindheit zurückdenken und daran, wie viele unzählige Stunden ich zusammen mit meinem Bruder und den Nachbarsjungen auf dem Fußballplatz verbracht habe. Egal ob bei brütender Hitze oder bei strömendem Regen, völlig egal auch, ob nur zu zweit, zu dritt oder mit einer größeren Gruppe. Nach mehreren Stunden und nicht selten erst nach Einbruch der Dunkelheit, machten wir uns erschöpft, mit Grasflecken in den Klamotten und Schürfwunden an den Beinen, auf den Nachhauseweg. Ich liebte es, draußen zu sein, mich auszupowern, Zeit mit Freunden zu verbringen und ganz abgesehen davon, spielte ich zu dieser Zeit einfach wahnsinnig gerne Fußball. Erstaunlicherweise hatte ich im Gegensatz zu vielen meiner Freunde nicht das geringste Interesse daran, es im Verein zu tun […] eine Tatsache, an der sich bis heute nichts geändert hat.

Mittlerweile sind die sonnigen Novembertage vorbei und der schier nicht enden wollende Spätsommer ist – wer hätte das gedacht – tatsächlich doch irgendwann dem Herbst gewichen. Vielleicht fällt es mir, gerade wegen dieses ungewöhnlich sonnigen, warmen und langen Sommers, den wir in diesem Jahr hatten, heuer so schwer, mich an die kalte Jahreszeit zu gewöhnen. Vermutlich liegt es auch an der Tatsache, dass ich den letzten zwei, drei Wochen relativ viel am Laptop gearbeitet und somit überdurchschnittlich viel Zeit in der Wohnung verbracht habe und mit Sicherheit spielen eine lästige Erkältung, die ich seit Ende Oktober mit mir rumziehe und mein nach wie vor viel zu unregelmäßiger Schlafrhythmus eine Rolle. Fakt ist, dass ich mich spätestens seit der Umstellung der Uhren auf Winterzeit mit einer wirklich bemerkenswert hartnäckigen Müdigkeit und Trägheit herumschlage, die ich in dieser Form lange nicht gespürt habe und aus der sich zuletzt still und heimlich ein fieser Teufelskreis aus spätem Zubettgehen, schlechtem Schlaf, spätem Aufwachen, kurzen Tagen, langen Nächten und mieser Stimmung zu entwickeln drohte.

Am vergangenen Wochenende reichte es mir damit endgültig und ich beschloss, diesen Negativkreislauf vorerst mit einem Ausflug in den bayerischen Wald zu durchbrechen, weil die Welt danach normalerweise gleich wieder ein wenig anders ausschaut. Speziell der Lusen ist dabei in den letzten Jahren für mich persönlich zu einer Art „Allheilmittel“ geworden, von dem ich mir, wenn möglich, meist selbst mehrmals pro Jahr eine ordentliche Dosis verordne. In diesem Jahr war ich allerdings bislang nur zweimal oben gewesen. Beide Male war noch Schnee gelegen.

Nachdem ich am Sonntagmorgen gegen 10 Uhr in Passau losgefahren und etwa eine Stunde später am Parkplatz in Waldhäuser angekommen war, musste ich beim Anblick der zahlreichen Autos erkennen, dass an diesem kalten aber wunderbar sonnigen Herbsttag scheinbar noch viele weitere Menschen die „heilende Wirkung“ des Lusens dringend nötig hatten. Da ich es ohnehin nicht eilig hatte zum Gipfel zu kommen, beschloss ich die Asphaltstraße in Richtung Waldhäuserreibe gleich wieder zu verlassen und zunächst bergab in Richtung Martinsklause und von dort weiter zum Teufelsloch, einem mystischen Granitfeld mit unterirdischem Wasserlauf zu wandern, bevor ich weiter oben, auf Höhe der Glasarche, ohnehin auf den erfahrungsgemäß wieder stärker frequentierten Sommerweg stoßen würde. Wenige Minuten später war ich, wie erhofft, ganz allein im Wald unterwegs und genoss die kühle, frische Luft, die durch meine Atemwege strömte, die hellen Sonnenstrahlen, die durch die mittlerweile kahlen Bäume den Weg in mein Gesicht fanden und die Geräusche, die meine schweren Wanderschuhe bei jedem Schritt durch das trockene Herbstlaub auf dem Boden machten.

Zwischen Martinsklause und Teufelsloch, dem steilsten Stück des Anstiegs (abgesehen von der Himmelsleiter direkt unterhalb des Gipfels) musste ich mich dann tatsächlich ausziehen, um nicht zu verschwitzt oben anzukommen und während ich kurz stehenblieb, um meine Jacke im Rucksack zu verstauen, kamen mir plötzlich wieder die fußballspielenden Jungs in der Passauer Innstadt und vor allem die damit verbundenen Erinnerungen an meine eigene Kindheit und Jugend in den Sinn. Den Rest des Weges über den Sommerweg und die bereits angesprochene Himmelsleiter bis zum Gipfel verbrachte ich hauptsächlich damit, über mein Verhältnis zu Vereins-/Mannschaftssport und der Art und Weise wie ich noch heute meine Freizeit gestalte, nachzudenken.

Nachdem sich ganz oben, nicht ganz unerwartet, an diesem Tag viel zu viele Menschen tummelten und außerdem ein eisiger Wind über das markante Blockmeer aus Granit wehte, wechselte ich nur kurz mein mittlerweile doch recht nassgeschwitztes Shirt und machte mich anschließend gleich auf den „Rückweg“, für den ich mir spontan eine Alternative zum beliebten Winterweg überlegt hatte. Nach wenigen hundert Metern auf der breiten Schotterstraße, auf denen mir gefühlt mehr Leute begegneten als während des kompletten Aufstiegss, bog ich deshalb erneut links ab auf einen zunächst etwas steileren, wurzeligen und mit viel Laub bedeckten Weg, der bergab in Richtung Sagwasserklause und Nationalparkzentrum Neuschönau führt und auf dem ich bislang noch nie gewandert war.

Ich denke, letztendlich ist genau diese Freiheit, jederzeit neue, bis zu deisem Zeitpunkt völlig unbekannte Wege zu gehen oder alternative Routen auszuprobieren, ein Grund, warum mir das Wandern und natürlich auch das Fahrradfahren seit geraumer Zeit so viel Freude bereitet. Erst recht mit ausreichend Zeit im Gepäck lassen sich auf diese Weise selbst Ausflüge in relativ bekannte Gegenden abwechslungsreich und immer wieder aufs Neue interessant gestalten. Hinzu kommt natürlich noch die grundlegende Freiheit, draußen aktiv zu sein, wann immer man will und es eben auch sein zu lassen, wenn einem nicht danach zu Mute ist. Ich glaube, für mich persönlich war gerade der zweite Punkt immer schon von großer Bedeutung. Zumindest scheint es mir eine logische Erklärung für den Umstand zu sein, dass ich eben nie, anders als viele meiner Freunde aus Kindertagen, Teil einer Fußballmannschaft sein wollte, warum ich mit fünfzehn Jahren aufgehört habe im Verein Tennis zu spielen und warum ich mich mit Mannschaftssportarten bzw. generell mit Freizeitgestaltungen, denen ein festgeschriebener Zeitplan und regelmäßige Termine zu Grunde liegen, bis zum heutigen Tag so gar nicht anfreunden kann.

Versteh mich nicht falsch, liebes Tagebuch, ich bin absolut der Meinung, jeder sollte seine Hobbies ausüben bzw. seine Freizeit gestalten, wie er oder sie das möchte. Ich bin sicher für viele Leute ist es wichtig und richtig, sich regelmäßig zum gemeinsamen Training oder zu Verbandspielen zu treffen und dabei als Teil einer Gemeinschaft zu fungieren. Ich für meinen Teil aber habe längst erkannt, dass der sogenannte individuelle Natursport einfach viel eher meiner Vorstellung von (selbst bestimmter) Freizeitgestaltung entspricht.

Entlang des idyllischen Sagwassers und vorbei an der gleichnamigen Klause wanderte ich also, wie bereits erwähnt, mutterseelenallein weiter in Richtung Nationalparkzentrum und erreichte am frühen Nachmittag den Rand des dortigen Tierfreigeländes unweit des Wisent-Geheges, wo ich an einem Wegweiser zufrieden feststellte, dass der Rückweg zum Parkplatz in Waldhäuser bis zum Einbruch der Dunkelheit locker zu schaffen sein würde. Nach einem Schlenker vorbei an Luchs, Elch, Wildschwein und Fischotter, nahm ich den rund zwei Kilometer langen Schlussanstieg dieser ausgieben Wanderung rund um den Lusen in Angriff und hatte kurz vor dem Ziel in Waldhäuser sogar noch genügend Zeit für einen kleinen Umweg über die sogenannten Steinfelsenhänge.

Am Auto angelangt, machte ich mich dann schnurstracks auf den Weg zu Marias Eltern, wo neben meiner Freundin und ihrer Familie auch noch eine leckere Kürbissuppe mitsamt Kaspressknödel auf mich wartete. Spätestens jetzt war ich so richtig müde, doch im Gegensatz zu den vorangegangenen Tagen war es in diesem Moment vielmehr eine zufriedene und wohltuende Form der Müdigkeit, von der man sich nach einem langen Tag in der frischen Luft nur allzu gern übermannen und ins Bett schicken lässt.

Dein Naturbua

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Daten zur Tour: Streckenlänge: 20 km Anstieg: 850 hm Startpunkt/Endpunkt: Parkplatz Waldhäuser Highlights: Martinsklause, Teufelsloch, Lusengipfel, Sagwasser(klause), Tierfreigehge Neuschönau, Steinfelsenhäng Alternativen: mehrfach Möglichkeiten die Tour abzukürzen

Tipp des Tages: Fernglas für das Tierfreigehege

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