Sonnenuntergang am Rachel

Das Wandern. Man geht los, um gestärkt zurückzukommen, vielleicht sogar mit mehr Gelassenheit und Weitblick.

Liebes Internettagebuch,

vor einigen Tagen hat mir meine Mama dieses Zitat in einer SMS geschickt. Sie hatte es kurz zuvor irgendwo gelesen. Ich bin noch gar nicht dazu gekommen, sie zu fragen, aus welchem Buch oder von welchem Autor/welcher Autorin es stammt. Ist im Grunde auch völlig egal. Es spricht mir jedenfalls aus der Seele und es passte natürlich sehr gut, dass ich es just in dem Moment von ihr geschickt bekam, als ich gerade durch den Wald zu meinem Auto zurückwanderte. Zuvor hatte ich ganz allein über eine Stunde lang die wundervolle Abendstimmung am Gipfel des Rachel genoßen.

Ich hatte diese kurze Auszeit im Nationalpark Bayerischer Wald mal wieder bitternötig gehabt. Seit Ende Mai sind wir nämlich mit Umziehen beschäftigt. Für mich bedeutet das nach zweieinhalb Jahren in der Innstadt die Rückkehr in die Passauer Altstadt, in der ich bereits von 2010 bis 2015 gelebt hatte. Was unseren Umzug in den Steinweg anging, so waren Maria und ich uns schon von Anfang an einig gewesen, uns dafür auf jeden Fall ausreichend Zeit zu nehmen, auch wenn das hieß, dass wir im letzten Monat doppelt Miete bezahlen mussten. Aber soll ich Dir was sagen, liebes Tagebuch? Im Nachhinein bin ich unglaublich froh über diese Entscheidung. Denn auch ohne den zusätzlichen Stress, der mit einem Aus- und Einzug innerhalb von nur wenigen Tagen ohne Zweifel verbunden gewesen wäre, hatten wir in den vergangen Wochen wirklich alle Hände voll zu tun.

Vor kurzem habe ich mal nachgezählt. Mit dem Umzug in die Innstadt im Dezember 2015 hatte ich das halbe Dutzend voll gemacht. Sechs mal Umziehen seit meinem Abitur im Jahr 2004. Eine beachtliche Zahl, wie ich finde. Und auch wenn es sicher Leute gibt, die das noch locker toppen können, würde ich mich in diesem Zusammenhang schon als „einigermaßen erfahren“ bezeichnen. Was mich freilich nicht daran hinderte, im Vorfeld meines siebten Wohnungswechsels mal wieder die fast schon bescheuert naive These aufzustellen: „Das wird sicher nicht so tragisch. Wir haben ja gar nicht so viel Zeug … und genügend Zeit haben wir ja auch.“ Ich sollte es doch längst besser wissen, oder? Nun ja, nachdem wir also am letzten Montag im Mai schon die Schlüssel für unsere neuen vier Wände bekommen hatten, und gleich am selben Abend noch damit begonnen hatten, ein paar Sachen aus Marias nur 300 Meter entfernter Wohnung zu holen, nahm die Räumerei in den vergangenen drei Wochen dann munter weiter ihren Lauf. Ich will hier gar nicht zu sehr ins Detail gehen. Ich denke, jeder weiß, wie so etwas abläuft und wie sehr es sich in die Länge ziehen kann. Und ich glaube, dass die meisten auch nur zu gut mit dem Gefühl vertraut sind, wenn man zwischendurch, inmitten all der Kisten, Kartons, Möbel, Müllsäcke und Werkzeugkoffer, die ein oder andere kleine Krise bekommt. Angesichts des schier endlosen  Durcheinanders, das einen in der ersten Zeit im neuen Zuhause umgibt, wünscht man sich dann einfach nur mal für ein paar Stunden weg von alledem.

Bei mir so geschehen vorletzten Sonntag: am Ende einer anstrengenden – weil auch noch hochsommerlich heißen – ersten Juniwoche, hatten wir uns tagszuvor noch einmal ein paar helfende Hände organisiert, um Marias alte Wohnung endlich mehr oder weniger komplett leer zu räumen. Während man dort tatsächlich auch langsam das Licht am Ende des Tunnels erkennen konnte, hatte gleichzeitig das Chaos an unserer neuen Adresse wieder exponentiell zugenommen. Gerade als wir den Arbeitstag für beendet erklärt, uns auf die Terasse hinterm Haus gesetzt und uns Pizza bestellt hatten, rief dann noch eine potenzielle Nachmieterin für meine alte Wohnung auf meinem Handy an und so machte ich noch einen 90-minütigen Abstecher in die Innstadt für eine sehr spontane, abendliche Besichtigung [sie hat die Wohnung übrigens am Ende nicht genommen :)]. Später im Bett beschloss ich, dass am nächsten Tag dringend ein Ruhetag her musste.

Ausschlafen, frühstücken, French Open-Finale schauen, kochen, relaxen… soweit der Plan für einen gemütlichen, umzugsfreien Sonntag. Und doch musste ich tagsdarauf irgendwann feststellen, dass das allein noch nicht ausreichen würde, um tatsächlich abzuschalten und auf andere Gedanken zu kommen. Ich beschloss also, dass es höchste Zeit für mich war, dem Bayerischen Wald mal wieder einen Besuch abzustatten. Während ich mit einem Auge noch verfolgte, wie Rafael Nadal unaufhaltsam auf seinen elften Titel in Roland Garros zusteuerte, suchte ich meine Wandersachen zusammen und machte mich schließlich am späten Nachmittag auf den Weg nach Spiegelau.

Während der Autofahrt dorthin kreisten meine Gedanken leider weiterhin beinah ausschließlich um verschiedene Details des Umzugs und um eine ganze Reihe unterschiedlicher organisatorischer Aufgaben und Termine, die ich in den kommenden Tagen noch würde erledigen müssen. Oh ja, eine Wanderung durch den Wald, rauf auf einen Berg, war jetzt wirklich genau das Richtige, um meinen Kopf frei zu bekommen. 

Während der Sommermonate ist die Straße von Spiegelau hinauf zum Wanderparkplatz Gfäll tagsüber von 8 bis 18 Uhr für PKW gesperrt und so ist der Startpunkt des „Auerhahn“-Rundwegs in diesem Zeitraum nur mit dem Igelbus zu erreichen. Danach jedoch ist das Durchfahrtsverbot aufgehoben. Als ich ankam war es bereits kurz nach sieben. Da ich rechtzeitig zum Sonnenuntergang am Gipfel sein wollte, entschied ich mich für den kürzeren aber steileren Anstieg und so folgte ich besagtem Rundweg vom Parkplatz aus in Richtung Westen.

Als ich gut eine Stunde später den höchsten Gipfel des Nationalparks erreicht hatte, stand die Sonne immer noch relativ hoch am Himmel. Ich hatte also genügend Zeit, um mich auf einen Felsen zu setzen und in Ruhe auf die Dämmerung zu warten. Knapp drei Stunden vorher hatte ich es so eilig gehabt, raus in die Natur zu kommen, dass ich außer einer Flasche Wasser, einer Jacke und meiner Stirnlampe kaum etwas eingepackt hatte, nicht einmal Brotzeit. Mein Hunger hielt sich allerdings absolut in Grenzen und so genoß ich es einfach, ganz allein dort oben zu sitzen, der Stille zu lauschen, und nichts zu tun, außer den Himmel zu beobachten, der nun im Minutentakt seine Farbe(n) veränderte. In den vergangenen Tagen und Wochen hatte ich viel (zu viel) Zeit und Kraft darauf ver(sch)wendet, mir allemöglichen Gedanken über die Position der Möbel, den Kauf neuer Elektrogeräte, sinnvoll genutzten Stauraum, Raumklima, Heizkosten und dergleichen zu machen … hinzu kam allerlei organisatorischer Blödsinn – notwendiger Blödsinn natürlich, klar – wie beispielsweise der Besuch beim Einwohnermeldeamt, das Anlegen eines Kautionssparbuchs oder das Einrichten eines neuen Internetanschlusses. Das alles rückte hier am Berg endlich deutlich in den Hintergrund.

Eine Frage allerdings, die mich schon seit geraumer Zeit sehr stark beschäftigt und die im Zuge des Umzugs beinahe stündlich in meinem Kopf aufgetaucht war, ließ mich auch dort oben am Rachel nicht ganz los: brauchen wir wirklich all das Zeug, das sich in unseren Wohnungen ansammelt, um glücklich zu sein? Oder wären wir nicht sogar wesentlich glücklicher, wenn wir deutlich weniger davon besitzen würden? Am Gipfel eines Berges sitzend, nur das Notwendigste im Rucksack bei sich habend, erscheint die Antwort recht eindeutig: nein, wir brauchen all diese Sachen nicht. Trotz dieser Erkenntnis, die in der heutigen Zeit sicher von immer mehr Menschen geteilt wird, scheint die konsequente Umsetzung, der Verzicht, nicht ganz so einfach zu sein. Nicht ohne Grund sind zu diesen und ähnlichen Themen mittlerweile eine ganze Reihe Bücher und Ratgeber veröffentlicht worden. Ich weiß, dass es den Rahmen sprengen würde, sich ausführlicher mit dieser Thematik auseinander zu setzen. Will ich auch hier und jetzt gar nicht machen. Nur soviel: ich für meinen Teil, das hat mir auch dieser Umzug wieder einmal deutlich vor Augen geführt, will mich in Zukunft intensiv mit der Frage beschäftigen, wie sich die Menge an persönlichen Habseligkeiten auf ein vernünftiges Maß reduzieren lässt. Dazu ein andermal vielleicht mehr …

Nachdem sich die Sonne verabschiedet hatte und langsam die Dunkelheit über mir hereinbrach, begann ich, in aller Ruhe zum Parkplatz Gfäll hinunter zu wandern, denselben Weg, auf dem ich gekommen war. Eine Stunde später befand ich mich dann schon auf der Rückfahrt nach Passau. Gestärkt und mit ein wenig mehr Gelassenheit und Weitblick.

Dein Naturbua

 

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Daten zur Tour: Streckenlänge: 7,5 km  Anstieg: 504 hm  Startpunkt/Endpunkt: Parkplatz Gfäll  Highlights: Rachelseeblick, Gipfelpanorama  Schwierigkeitsgrad: mittel

Tipp des Tages: Den Sonnenuntergang wirklich ganz abwarten! Geht immer noch röter!

 

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