Liebes Internettagebuch,
Nun habe ich schon eine ganze Weile nichts mehr von mir hören lassen und auch heute, so glaube ich, wird es nur ein kurzer Eintrag werden. Es ist schon spät, ich bin gerade eben von der Arbeit nach Hause gekommen und bin entsprechend müde. Dabei hatte ich bereits vorgestern Nachmittag zum ersten Mal seit längerem wieder das Gefühl gehabt, etwas aufschreiben zu wollen. Zuvor war ich zwei Stunden lang mit dem Rennrad im Nieselregen unterwegs gewesen. Doch noch bevor ich beginnen konnte, meine Eindrücke zusammenzufassen, kam mir eine WhatsApp-Nachricht von Umberto dazwischen, in der er mich bat, abends spontan im Ristorante einzuspringen und so musste ich das Ganze noch einmal vertagen. Überhaupt war der Mai bislang größtenteils geprägt von langen, anstrengenden Abenden in der Pizzeria und spätem Zubettgehen. Dass ich seit meinem Ausflug in den bayerischen Wald vor knapp drei Wochen keinen Eintrag mehr verfasst habe, bedeutet natürlich keineswegs, dass ich nicht zumindest ab und zu draußen aktiv gewesen wäre oder nichts erlebt hätte, über das es sich zu schreiben gelohnt hätte. Tatsächlich habe ich in der Zwischenzeit zwei, drei kurze, aber sehr schöne Mountainbike-Ausflüge entlang des Kösselbachs und sogar eine lange Rennradtour in die Gegend um den Rannasee unternommen. Um ganz ehrlich zu sein, fehlte es mir schlichtweg an Muse bzw. Lust und Zeit, um mich an den Computer zu setzen und Gedanken und Erlebnisse der letzten Zeit in Worte zu fassen. Wie bereits erwähnt ist es auch heute wieder spät geworden und ich fühle mich ziemlich ausgelaugt, weswegen es mir gerade auch relativ schwerfällt, meine Gedanken zu ordnen und einen roten Faden für diesen Beitrag zu finden. Aber manchmal, finde ich, muss es auch erlaubt sein, einfach mal drauf los zu schreiben.
In den vergangenen drei Wochen durfte ich zum wiederholten Mal feststellen, wie hart der Job in der Gastronomie sein kann und was er einem teilweise abverlangt. Erst recht, wenn die Kollegen sich nacheinander in ihrem wohlverdienten Urlaub befinden und man selbst mehrere Tage bzw. Abende hintereinander bis spät in die Nacht im Einsatz ist. Versteh mich nicht falsch: ich bin wirklich froh, diese Erfahrung in den vergangenen Monaten gemacht zu haben; allein schon, um für den Rest meines Lebens die Arbeit all derer in ausreichendem Maße wertzuschätzen, die über Jahre hinweg in dieser Branche tätig sind, egal, ob als Bedienung, Köchin oder Koch, Thekenkraft oder Küchenhilfe. Ich persönlich jedenfalls musste letzte Woche, irgendwann zwischen Vater- und Muttertag, im Lager auf einem leeren Bierkasten sitzend, erschöpft und mit starkem Pfeifen in den Ohren feststellen, dass mich dieser Beruf auf Dauer viel zu viel Kraft und Energie kosten würde und ich daher mein Glück zukünftig woanders suchen sollte. Wenig überraschend hat es dann auch zwei, drei Tage gedauert, bis ich mich vom langen Wochenende mit den beiden Feiertagen, einem Junggesellenabschied und dem üblichen „ganz normalen Wahnsinn“ in der Dorf-Pizzeria erholt hatte. Nachdem ich Montag bis Mittwoch, mal abgesehen von ein wenig Bürokram und einer Autofahrt nach Ingolstadt, größtenteils damit verbracht hatte, mein Schlafdefizit aus den vorangegangen Nächten nachzuholen und neue Kraft zu tanken, fühlte ich mich vorgestern Nachmittag endlich ausreichend motiviert und ausgeruht, um nach über einer Woche mal wieder eine Runde mit dem Fahrrad zu drehen. Um gleich anschließend in den nächsten Fünf-Abende-Gastro-Marathon zu starten …
… so, liebes Tagebuch. Da bin ich wieder. Ich musste gestern Nacht abbrechen, weil ich einfach zu müde war, die Tippfehler sich häuften und ich dringend ins Bett musste. Die Tatsache, dass ich jemand bin, der nach der Arbeit nicht so leicht einfach abschalten und wie auf Knopfdruck einschlafen kann, sorgte in letzter Zeit zusätzlich dafür, dass ich oft bis zum Mittag des nächsten Tages (und manchmal auch noch länger) geschlafen habe. Wenn man dann die verbleibenden freien Stunden noch für die ein oder andere Fahrradtour nutzen will, darf man, was das Wetter angeht, nicht allzu wählerisch sein. Nachdem ich also am Donnerstag schon zwei Stunden im Nieselregen unterwegs gewesen war, wollte ich mich auch gestern Mittag von einem dunklen Himmel und ein paar Regentropfen nicht davon abhalten lassen, eine Runde mit dem Rennrad zu drehen. Getreu dem Motto „Es gibt kein schlechtes Wetter, nur falsche Kleidung“, holte ich wasserdichte Socken und meine Regenjacke aus der Schublade und machte mich ein wenig skeptisch aber doch optimistisch auf den Weg.
Ich hatte die Innstadt gerade in Richtung Ingling verlassen, da hatten sich die „paar Regentropfen“ auch schon in einen heftigen Gewitterschauer verwandelt. Unter lautem Donnergrollen erreichte ich das ehemalige Kloster und heutige Studentenwohnheim Hamberg am Ende eines kurzen, jedoch steilen Anstiegs, um dort oben etwas ausgepumpt und klatschnass festzustellen, dass sich der Himmel mittlerweile rund um Passau tiefschwarz gefärbt hatte. Nachdem ich beschlossen hatte, auf keinen Fall gleich wieder zurück nach Hause zu fahren, mich unterzustellen und in der Kälte abzuwarten aber auch keine zufriedenstellende Lösung zu sein schien, beschloss ich, in den sauren Apfel zu beißen und weiter durch den Regen in Richtung Schardenberg zu radeln, wo sich mit viel Optimismus eine Lücke in der ansonsten geschlossenen Wolkendecke erkennen ließ. Dieser Marschroute folgte ich in den nächsten eineinhalb Stunden kreuz und quer durch den Sauwald. Wann immer ich die Möglichkeit hatte, abzubiegen, entschied ich mich konsequent für die Straße, die mich weg von der Gewitterfront und in Richtung Sonne zu führen schien. Und während es in meinem Rücken immer weiter donnerte und regnete und in einiger Entfernung auch Blitze zu hören waren, fand ich mich von nun an größtenteils auf trockenem Asphalt wieder und entdeckte nebenbei auch noch eine mir bis dato völlig unbekannte Strecke in Richtung Engelhartszell.
Sommerliche Gewitter und Regenschauer erzeugen eine ganz besondere Stimmung innerhalb der Natur, die man, meiner Meinung nach, auf dem Rad besonders intensiv wahrnehmen kann. Aufgeregt zirpend und zwitschernd scheinen Grillen und Vögel sich untereinander lauthals über das Bevorstehende zu informieren, während ansonsten die Stimmung auf den Straßen von einer eigenartigen Stille geprägt ist, in der man selbst hauptsächlich die Regentropfen auf dem Asphalt und die durch Nässe deutlich veränderten Geräusche des eigenen Fahrrads wahrnimmt. Blitz und Donner dagegen, sorgen, je nachdem wie weit sie entfernt sind, durchaus für Unbehagen und setzen dadurch – zumindest bei mir – automatisch ein paar zusätzliche Kräfte frei, um möglichst schnell aus dem Gewitter rauszukommen.
Das für die Sauwaldregion so typische, stark wellige Profil hatte mich auf meiner Flucht vor dem Gewitter über Münzkirchen, Sankt Roman, Stadl und Sankt Ägidi mittlerweile wieder hinab zur Donau geführt, die ich nun auf der Brücke bei Niederranna überquerte. Ein Blick in den Himmel Richtung Passau verdeutlichte, dass sich die Wetterlage dort in den letzten beiden Stunden kaum verändert hatte und dass es schon mit dem Teufel würde zugehen müssen, sollte es auf den restlichen 30 Kilometern zurück nach Hause nicht noch einmal richtig nass und ungemütlich werden. Im Gegenteil: der mittlerweile kräftige Wind schien die dunklen Wolken geradewegs auf mich zuzutreiben. Um dem starken Gegenwind entlang des Donauufers zumindest noch einmal für ein paar Kilometer zu entkommen, entscheid ich mich, die Tour noch um eine weitere interessante Herausforderung zu verlängern und so folgte ich in Jochenstein der Straße bergan in Richtung Gottsdorf. Ein wirklich wunderschöner Anstieg, der mit seinen Steigungsprozenten und Serpentinen durchaus an alpine Passstraßen erinnert und der mir gestern, durchnässt und mittlerweile auch hungrig, mehr als sonst zu schaffen machte. Während ich im kleinsten Gang und mit deutlich nachlassender Kraft in den Oberschenkeln gerade dabei war, das steilste Stück vor der letzten Kurve zu bewältigen, erkannte ich in einiger Entfernung neben mir einen Bussard, der in etwa 20 Metern Höhe schwerelos durch die Luft glitt. Der Wasserdampf, der von der feuchten Wiese unter ihm aufstieg, sowie die dunkelblauen Regenwolken im Hintergrund bildeten den würdigen Rahmen für dieses imposante Bild eines Raubvogels auf Beutezug. Ein wenig beneidete ich den fliegenden Jäger in diesem Moment um die Eleganz und Leichtigkeit, mit der er in der Luft seine Kreise zog, während ich mich im Wiegetritt die letzten Meter des Anstiegs hinaufquälte.
Endlich oben angekommen waren es nur noch wenige Kilometer bis nach Untergriesbach. Nachdem ich mich dort in einem Supermarkt nicht nur ausreichend gestärkt, sondern auch gleich noch einen kräftigen aber kurzen Schauer abgewartet hatte, folgte ich der kurvenreichen Straße hinunter nach Obernzell. Von dort aus nahm ich schließlich die letzten knapp 20 Kilometer auf dem Donauradweg in Angriff. Und siehe da, als ich wenig später ziemlich erschöpft in Passau ankam, erwarteten mich am Ende einer anstrengenden aber wunderschönen Regentour tatsächlich noch ein paar wärmende Sonnenstrahlen.
Dein Naturbua
Daten zur Tour: Streckenlänge: 90 km Anstieg: 1500 hm Startpunkt/Endpunkt: Innstadt Passau Highlights: Kloster Hamberg, Kneiding, Natur im Sauwald, Donaupanorama, Anstieg nach Gottsdorf Schwierigkeitsgrad: schwer
Tipp des Tages: österreichische Güterwege (sind auch so beschildert). Schmale, im Normalfall asphaltierte Straßen, zur Erschließung einzelner kleiner Siedlungen oder Einzelgebäude durch Fahrzeuge im ländlichen Raum -> perfekt für (Renn-)Radfahrer

Das heißt du bist so lange geradelt bis es den Wolken zu blöd wurde und sie die Sonne durchgelassen haben. Gut gemacht! 😉
LikeLike