Liebes Internettagebuch,
Vor einigen Tagen bin ich abends Richtung Aicha gefahren. Ich hörte Musik. Ein Album, das ich zuvor sehr lange nicht mehr gehört hatte. Der Fahrtwind wehte durch die halbgeöffneten Fenster ins Innere meines Busses und die tiefstehende Sonne schien in dunklem Orange durch die Frontscheibe in mein Gesicht. In diesem Moment bekam ich Gänsehaut, Wärme breitete sich in meinem Bauch aus und ich musste kurz der Verlockung widerstehen, die Hände vom Lenkrad zu nehmen, meine Augen zu schließen, und einfach ein bisschen zu „fliegen“. Ich hab´ keinen besonders eingängigen, oder gar blogtauglichen Namen für Momente wie diesen, aber es gibt sie … von Zeit zu Zeit. Und wenn sie da sind, erkenne ich sie … ich versuche sie auszukosten und egal wie lange sie dauern, ich bin dankbar dafür. Für gewöhnlich tu´ ich mich schwer damit, eine Erklärung oder einen konkreten Grund zu finden für das Gefühl, das mich in solchen Situationen durchströmt. Aber ich arbeite momentan ohnehin daran, die Dinge öfter einfach anzunehmen und sie nicht ständig so fürchterlich rational erklären und analysieren zu wollen, wie ich das leider (immer noch) viel zu oft mache.
Tatsächlich überkam mich bereits tagsdarauf , bei meiner ersten Radtour seit genau zwei Wochen, kurz vor Grübmühle bei Tiefenbach, zum zweiten Mal innerhalb von nicht einmal 24 Stunden der Drang den Lenker loslassen zu wollen. Diesmal gab ich der Versuchung nach und so sauste ich mehrere hundert Meter freihändig, mit ausgebreiteten Armen den Berg hinunter. In dem Moment wurde mir klar, dass das wunderbare Gefühl, das ich schon am Vortag gespürt hatte, wohl damit zusammenhing, dass es nach zwei Wochen, die geprägt waren vom Kranksein, viel zu viel Schlafen, stundenlanger Netflix-Glotzerei, Antriebslosigkeit und teilweise recht trüben Gedanken, endlich wieder aufwärts ging – körperlich aber vor allem auch im Kopf.
Als ich während unseres Hüttenurlaubs kurz vor Ostern mit einem Infekt im Bett lag, las ich in einem Buch des Autors John Strelecky (Das Cafe am Rande der Welt, Safari des Lebens, The Big Five for Life) dessen ungewöhnliche Gedanken zum Thema „krank sein„. Wenn man tagelang mit Grippe im Bett liegt und kaum aufstehen kann, schreibt er, haben Dinge, die einem vorher ach so wichtig vorkommen, plötzlich keine große Bedeutung mehr. Schon erstaunlich, wie sich innerhalb kürzester Zeit die Perspektive ändere, so Strelecky. Ich gebe ihm recht. Allerdings habe ich auch gemerkt, dass sich diese Dinge, wenn die schlimmsten Symptome ersteinmal abgeklungen sind, die Bedeutung, die sie in den Tagen der Krankheit eingebüßt haben, still und heimlich, aber unaufhaltsam zurückerobern. Zumindest lief das bei mir so. Als ich nach dem Osterwochenende wieder einigermaßen symptomfrei, aber immer noch ziemlich kraftlos war, da machten sich in meinem Kopf nämlich sehr wohl wieder Themen wie der Abgabetermin eines Artikels, die Arbeit in der Pizzeria am darauffolgenden Wochenende, die Übergabe meiner Wohnung vor unserem Umzug, oder einfach eine schwer zu beschreibende, gar nicht mal konkrete Niedergeschlagenheit breit. Am meisten jedoch hatte ich mit der Tatsache zu kämpfen, dass ich weiterhin gezwungen war auf Wandern oder Fahrradfahren zu verzichten. Einigermaßen bescheuert, ich weiß. Aber ich muss leider zugeben, dass Ungeduld schon immer eine meiner größten Schwächen gewesen ist und dass es mir auch jetzt, mit 33 Jahren, oftmals noch nicht gelingt, einzusehen, dass manche Dinge einfach Zeit brauchen bzw. sich nicht beeinflussen lassen.
Egal, am Montag dieser Woche saß ich dann endlich wieder im Sattel und was soll ich sagen – es fühlte sich toll an. Okay, die Beine waren schwer, das Atmen, speziell bergauf, fiel mir teilweise nicht so leicht und alles in allem mangelte es mir definitiv noch spürbar an Spritzigkeit und Kraft, aber ich konnte endlich wieder draußen (aktiv) sein. Als ich so in Richtung Aicha dahin radelte, vorbei an grünen Wiesen, Böschungen voller Krokusse und Buschwindröschen, in KURZER Hose und ohne die Windweste, die ich mir noch etwas pessimistisch hinten in die Trikottasche gesteckt hatte, da wurde mir plötzlich klar, dass auch für mich jetzt endlich der Frühling begonnen hatte. Und während ich mich in den Tagen zuvor, teilweise mit Mütze und dicker Jacke ausgerüstet, wie eine Art Alien gefühlt hatte, zwischen all den grillenden, sommerlich gekleideten und so abartig gut gelaunten Passauer Studenten, schien sich meine Gefühlslage nun endlich zu verändern.
Und noch etwas wurde mir im Verlauf meiner zweistündigen Runde nach Aicha, Neukirchen, Kalteneck und Ruderting klar. Nämlich, dass es absolut nicht selbstverständlich ist, dass ich in den vergangenen Jahren Tausende von Kilometern auf dem Rad unterwegs gewesen war, ohne auch nur ein einziges Mal für längere Zeit pausieren zu müssen; dass ich einige Stürze mit dem Mountainbike überstanden hatte, ohne mich dabei auch nur einmal ernsthaft zu verletzen; und, dass ich mich generell glücklich schätzen kann, die Zeit und die Mittel zu haben, um viele viele Stunden wandernd und radfahrend, bei bester Gesundheit, allein oder mit Freunden, draußen in der Natur verbringen zu können. Der ein oder andere mag das jetzt für eine nicht sonderlich erwähnenswerte Erkenntnis halten, für mich jedoch ist es das durchaus.
Als hätte es an diesem Tag noch eines letzten, tragischen Beweises für meine Sichtweise bedurft, las ich nach meiner Rückkehr nach Passau am Abend die Meldung, dass der am Tag zuvor schwer gestürzte 23-jährige belgische Radprofi Michael Goolaerts in der Nacht in einem Krankenhaus in Lille gestorben war. Unglaublich. Besonders nachdenklich machte mich in diesem Zusammenhang die Reaktion des Radsport-Journalisten James Stout, der auf Twitter erklärte: „Als ich 23 war, bin ich in Belgien Rennen gefahren. Wir dachten alle, wir wären unverwundbar. Niemand rechnete damit, ein Radrennen zu starten, dass er nie beenden würde. Genießt jeden Moment auf dem Rad so sehr wie dieser Junge es tat.“
All diese Gedanken und Themen schwirrten mir auch gestern noch im Kopf herum, als ich mit meinem Bruder im Auto in Richtung Waldhäuser unterwegs war. Am Abend zuvor hatten wir ausgemacht, zusammen eine Wanderung im bayerischen Wald zu unternehmen. Den Lusen wollten wir raufgehen. Allerdings hatten wir entschieden, den weniger bekannten, oder zumindest von viel weniger Leuten benutzen Weg über Martinsklause und Teufelsloch in Angriff zu nehmen. Bereits im Winter hatte ich diese Tour einmal allein unternommen, damals noch mit Schneeschuhen. Auch gestern, trotz frühlingshafter Temperaturen, hatten wir diese vor der Abfahrt noch in den Kofferraum geworfen, uns dann aber am Startpunkt Parkplatz Fredenbrücke (ca. einen Kilometer vor der Ortschaft Waldhäuser) dafür entschieden, sie doch im Auto zu lassen. Mal wieder [wie bei der Schachtenwanderung vor drei Wochen :)] stellte sich das als falsche Entscheidung heraus.
Wurzlig, steinig, aber größtenteils schneefrei, gesäumt von bunten Frühlingsblumen, führte der Weg zu Beginn entlang der kleinen Ohe, die, im Vergleich zum Januar, jetzt durch das viele Schmelzwasser an manchen Stellen als schäumender, rauschender Wildbach den Berg herunter kam. Tatsächlich befindet sich die Natur im bayerischen Wald gerade in gewisser Weise zwischen den Jahreszeiten. Und nach etwa zwei Kilometern, nach der Martinsklause, waren wir, zumindest was die Verhältnisse am Boden anbelangte, endgültig wieder im Winter angekommen. Der Rest der Strecke bis zum Gipfel war deshalb geprägt von unerwartetem Einsinken in den vom Tauwetter aufgeweichten, aber immer noch recht tiefen Schnee. Manchmal nur wenige Zentimeter, teilweise jedoch bis zu den Knien und das ein oder andere Mal steckten wir tatsächlich bis zum Hintern fest. Wir nahmen es mit Humor. Schließlich hatten wir genug Zeit. Und als wir auf Höhe der gläsernen Arche auf den Sommerweg trafen, wurde es auch wieder ein wenig leichter, zumindest was das Einsinken anging. Wer die Himmelsleiter unterhalb des Blockmeeres kennt, der weiß, dass diese, erst recht bei Schnee, einen nochmal richtig ins Schwitzen bringt. Doch ebenso weiß jeder, der den Lusen kennt, dass der Blick am Gipfel gepaart mit einer Brotzeit, die Anstrengung wert ist.
Beim weitaus weniger beschwerlichen Abstieg über den Winterweg, sowie auf den letzten Kilometern entlang der Straße zurück nach Waldhäuser und anschließend hinunter zum Ausgangspunkt Fredenbrücke, hatte ich dann die Gelegenheit, die Gedanken der letzten Tage noch einmal aufzugreifen. Als am Ende eines wunderschönen Tages die Sonne unterging, hatte ich verstanden, dass auch eine Wanderung mit dem Bruder bzw. die Tatsache, sich super mit ihm zu verstehen, viele gemeinsame Gesprächsthemen zu haben und dieselben Leidenschaften zu teilen, absolut nichts ist, das man als selbstverständlich hinnehmen sollte.
Dein Naturbua
Daten zur Tour: Streckenlänge: 12km Anstieg: 566 hm Start-/Endpunkt: Parkplatz Fredenbrücke Highlights: kleine Ohe, Martinsklause, Himmelsleiter, Gipfelblick Schwierigkeitsgrad: Mittel
Tipp des Tages: Wassermanns Fiebertraum (Band) – Musik ohne Text lässt so viel Freiraum für individuelle Emotionen.
