Tja, liebes Internettagebuch,
Jetzt komm` ich doch früher zu meinem nächsten Eintrag als erhofft. Der Grund: ich bin krank und obwohl ich ja eigentlich vorhatte, während unseres Aufenthalts in den Alpen weitestgehend auf digitale Medien zu verzichten, bin ich jetzt irgendwie doch ganz froh, dass ich mich, von einer Grippe ans Bett gefesselt, auf diese Weise ein wenig ablenken, meine Stimmung in Worte fassen und meine Gedanken mit Dir teilen kann. Viele dieser Gedanken befassen sich derzeit, wie letztens bereits erwähnt, mit dem Begriff der Gelassenheit. Mit ihr, ebenso wie mit ihren nahen Verwandten Ausgeglichenheit und innere Ruhe, scheint es so eine Sache zu sein. Man kann darüber nachdenken, viel darüber lesen oder auch darüber schreiben und dennoch: auf Knopfdruck abrufen lassen sie sich nicht.
Da ist man mit zwei wertvollen und ganz besonderen Menschen auf einer gemütlichen, kleinen Hütte in den österreichischen Bergen, draußen schneit es, der Holzofen knistert, man hört keine Autos, hat keine Termine und Themen wie die Deadline zur Abgabe eines Artikels für eine Fachzeitschrift Mitte April konnten halbwegs erfolgreich auf „nach dem Urlaub“ vertagt werden. Gute Bedingungen, möchte man meinen, für ein angenehmes Gefühl der Ruhe und Entschleunigung und für einen gesunden, erholsamen Schlaf. Warum also saß ich in unserer ersten Nacht auf der Hütte um 5 Uhr Früh schlaflos in der Stube am Tisch und schrieb meine mitunter kreisenden Gedanken in ein Buch? Lag es an der (durchaus ungewohnten) völligen Stille am Berg, der fremden Umgebung, oder doch am trockenen Reizhusten, der sich schon am Mittag bei der Abfahrt in Passau gemeldet hatte und den ich (zugegeben: etwas pessimistisch) als ersten Vorboten einer Erkältung ansah. Vielleicht einfach alles zusammen. Jedenfalls hatte ich in den Stunden zuvor vergeblich versucht einzuschlafen, hatte schließlich angefangen, mich reinzusteigern und saß jetzt hundemüde, kränkelnd und ziemlich desillusioniert mit einer Tasse Husten- und Bronchialtee und einer zweiten Tasse voll mit Schlaftee auf der Eckbank, innständig daurauf hoffend, dass diese Heißgetränke ganz schnell die versprochene Wirkung entfalten würden.
Oh, liebes Tagebuch, wie gern würde ich jetzt erzählen, dass ich anschließend wieder zu Maria ins Bett kroch, mir gleich darauf die Augen zufielen und ich mich am nächsten Tag gesund und munter zu einer ersten kleineren Wanderung in der Umgebung unserer Unterkunft aufmachen konnte. Leider war ich eine Stunde später immer noch wach. Fest entschlossen, das ganze Durcheinander (inklusive Ohrgeräusche) in meinem Kopf jetzt nicht ausarten zu lassen, entschied ich mich dazu, aufzustehen. Nach einem langen Gespräch mit Susi, folgte gegen Mittag dann die etwas schwer zu verdauende Erkenntis, dass ich mir wohl tatsächlich einen grippalen Infekt eingefangen hatte und so verbrachte ich den Rest des zweiten Urlaubstages mit fiesem Husten, heftigen Rachen- und Gliederschmerzen und dieser furchtbar unangenehmen Mischung aus Schwitzen und Frieren schlafend auf der Couch bzw. im Bett. Als es mir am Abend schlagartig etwas besser ging, keimte in mir ein Fünkchen Hoffnung, dass ich vielleicht doch in den uns verbleibenden zwei Tagen wieder fit genug werden würde, um zumindest ein wenig rausgehen oder im besten Fall sogar eine circa zwölf Kilometer lange Wanderung zur Ostpreussenhütte unternehmen zu können.
Nach einer weiteren unruhigen, beinahe schlaflosen Nacht und der ernüchternden Erkenntnis, dass die Grippesymptome seit gestern keinesfalls abgeklungen waren, sondern sich tatsächlich sogar eher verschlimmert hatten, wurde mir jedoch am Morgen endgültig klar, dass es an der Zeit war, einzusehen, dass in diesem Urlaub keine Outdoor-Aktivitäten mehr möglich sein würden. Zwar regnete es heute fast den ganzen Tag und der teilweise böige Wind peitschte mitunter ganz schön heftig gegen unsere Hütte – auch hatten wir den Ausflug ohnehin vor allem als Möglichkeit eines Tapetenwechsels, des Zurruhekommens und des Abschaltens gesehen – und doch dürfte jeder der Bergwandern bzw. generell Sport zu seinen Hobbys zählt, wissen, wie schwer es einem fallen kann, darauf verzichten zu MÜSSEN. Erst recht natürlich, wenn man für vier Tage in einer Almhütte wohnt und umgeben ist von Tennengebirge, Hagengebirge und Hochkönig.
Durch das Fenster fällt mein Blick gerade auf die wolkenverhangenen Gipfel eben dieses Tennengebirges, das auf der gegenüberliegenden Seite des Salzachtals aufragt. Beim Betrachten dieses beeindruckenden Panoramas muss ich an einen Geo-Artikel über eine polnische Winterexpedition zum K2 denken, den ich vor einiger Zeit in einem Wartezimmer gelesen habe. Vor wenigen Tagen erst hatte ich online dann erfahren, dass das Vorhaben der zehnköpfigen Gruppe nach etlichen Rückschlägen, verletzungsbedingten Ausfällen und nicht zuletzt aufgrund der schlechten Witterung, abgebrochen wurde. Ich versuche mir gerade vorzustellen, wie es sich für die passionierten Bergsteiger anfühlen musste, monatelang darauf hinzuarbeiten, den zweithöchsten Berg der Erde zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit im Winter zu besteigen, durch die halbe Welt anzureisen, das Basislager aufzuschlagen und dann nach wochenlangen Entbehrungen, gescheiterten Aufstiegsversuchen und unterschiedlichsten Schicksalsschlägen die Entscheidung des Expeditionsleiters, Krzysztof Wielicki, zu akzeptieren, sich auf den Heimweg zu machen, ohne das erklärte Ziel erreicht zu haben. Nun will ich eine Grippe während eines Hüttenurlaubs natürlich keinesfalls mit einer gescheiterten Expedition auf den Gipfel des vermutlich am schwersten zu bezwingenden Berges der Erde vergleichen und dennoch werden die Teilnehmer dieses Abenteuers am Ende gut daran tun, sich den selben Satz vor Augen zu halten, den ich mir heute schon mehrfach versucht habe, wirklich zu Herzen zu nehmen: Manche Dinge kann man nicht ändern; es hat (diesmal) wohl einfach nicht sollen sein.
Dein Naturbua
Tipp des Tages: Was nützt der schönste Ausblick, wenn Du nicht aus dem Fenster schaust (Buch)
