Liebes Internettagebuch,
Es gibt Neuigkeiten: wir sind nicht mehr nur unter uns. Gestern hab´ ich den Link hierzu an einige Freunde und Bekannte geschickt, von denen ich dachte, dass sie vielleicht Interesse an diesem Blog haben könnten. Nun, die Tatsache, dass ab sofort ein paar mehr Leute lesen können, was ich hier schreibe, sollte mich eigentlich nicht zu sehr beschäftigen, schließlich ist es genau das, was einen Blog charakterisiert und nicht zuletzt von einem normalen Tagebuch unterscheidet. Dennoch merke ich, schon allein jetzt beim Tippen der ersten Zeilen, dass sich etwas verändert hat und die Leichtigkeit und Unbekümmertheit der ersten Beiträge ein Stück weit erdrückt wird von Gedanken wie: Was wird der oder die denn dazu sagen? Wie viel darf/soll ich eigentlich hier preisgeben? Wie viel Emotion und Einblicke in mein Inneres vertragen die Beiträge? Muss ich jetzt wirklich ganz regelmäßig bloggen? Darf ich mich ab sofort echt Blogger nennen und will ich das überhaupt? Nun, ich glaube, ich tue gut daran, mich von diesen und ähnlichen Fragen nicht allzu sehr beeinflussen zu lassen, was natürlich, wie so oft, leichter gesagt/geschrieben als getan ist. Zumal auch noch wordpress selbst natürlich dazu beiträgt, indem sie mir allein gestern und heute eine ganze Reihe von Emails geschickt haben, voll mit Ratschlägen aus der Rubrik: wie blogge ich richtig, wie erreiche ich möglichst viele Leute, wie baue ich meine Community auf, wie verbreite und vermarkte ich meinen Blog. Das Ganze gipfelte dann unausweichlich im Hinweis, dass ich ja jetzt sowieso nur noch „one little step“ davon entfernt sei, meinen Blog zu „monetizen“. Unglaublich und irgendwie so wahnsinnig typisch für unsere Zeit, dass ich nach gerade einmal ein paar Tagen als Blogger (ich will mich selbst noch nicht einmal so nennen) schon wieder zugeschissen werde (entschuldige den Ausdruck) mit Mails und Tipps, wie ich meine neue Idee professioneller, besser und gewinnbringender gestalten könnte. Am liebsten würde ich auf eine dieser Emails antworten mit: lasst mich doch, verdammte Scheiße nochmal, einfach nur ein wenig über meine Ausflüge in die Natur und die Gedanken, die mich dabei beschäftigen, schreiben und das Ganze mit ein paar Freunden und Bekannten teilen! Ist das wirklich zu viel verlangt?
Nun ja, es liegt wohl an mir ganz allein diese Dinge zunächst erfolgreich zu ignorieren und mit mehr Gelassenheit an die Sache heranzugehen. Womit wir (endlich) beim eigentlichen Thema dieses Beitrags angekommen wären: Gelassenheit. Dieses kleine, auf den ersten Blick so unspektakuläre Wort, das mich zurzeit derart beschäftigt. Zunächst mal eine kleines Rätsel, liebes Internettagebuch. Was haben der Frontman von U2, der 34. Präsident der USA sowie der wohl berühmteste niederländische Impressionist mit mir gemeinsam? Mhm, am Ende vielleicht sogar nicht bloß eine Sache. Denn so wie ich die Herren Bono, Eisenhower und Van Gogh einschätze, könnte ich mir durchaus vorstellen, dass sie mit mir auch die Liebe zur Natur, zum Draußenunterwegssein und zum Nachdenken teilen bzw. geteilt haben. Tatsächlich aber wollte ich gerade auf eine andere Sache hinaus. All diese Männer leben bzw. lebten, ebenso wie ich, mit Ohrgeräuschen sprich Tinnitus. Paul David Hewson, bekannt als Bono, hat seine Erlebnisse im Umgang damit sogar in einem Song verarbeitet, dessen Titel ich als Überschrift des heutigen Beitrages gewählt habe. All das habe ich aus einem Buch, dass ich vor wenigen Tagen begonnen habe zu lesen und das mir dabei helfen soll, besser mit meinem Tinnitus klar zu kommen. Vieles von dem was ich bisher darin gelesen habe wusste ich bereits, manches aber war mir neu und hat meinen Blickwinkel auf die Ohrgeräusche schon jetzt ziemlich stark verändert. Ich bin zuversichtlich, dass mir dieses Buch tatsächlich helfen wird, zumal ich auf jeden Fall einer bin, der besser mit unangenehmen und belastenden Dingen umgeht, wenn er mehr darüber weiß und sie somit besser einordnen kann.
Die Tatsache, dass Tinnitus tatsächlich keine Krankheit, sondern vielmehr als Symptom oder gar als Alarmsignal zu verstehen ist, das uns verdeutlicht, dass irgendetwas anderes in unserem Körper oder an unserer Lebensweise nicht stimmt, gehört zu den Dingen, die mir nicht neu waren. Schon seit längerem bin ich mir sicher, dass es für mich nicht in erster Linie darum geht, den Tinnitus per se anzupacken oder gar zu bekämpfen, sondern vielmehr darum, mit ihm zurecht zu kommen, die richtigen Schlüsse daraus zu ziehen und Dinge in meinem Leben so zu verändern, dass unnötige Anspannung, Überforderung, Reizüberflutung, Ohnmachtsgefühle, Autoaggression und Stress auf ein erträgliches Minimum reduziert werden.
Die potenziellen Ursachen von Ohrgeräuschen sind zahlreich, ebenso wie die Methoden und Ansätze zur Linderung. Was mich angeht, so habe ich in den letzten Monaten, um nicht zu sagen Jahren, viele davon ausprobiert. Von Infusionen und Ginko-Tabletten zur Durchblutungssteigerung, (maßgefertigten) Ohrenstöpsel, dem Vermeiden von Lärm, dem Verzicht auf Alkohol und Nikotin, Muskelentspannungsübungen und Yoga, bis hin zu einer Tinnitus-App, die mir mit wohltuenden Klängen wie Lagerfeuerknistern, Meeresrauschen und Vogelgezwitscher dabei helfen soll, die Geräusche in meinem Ohr weniger stark wahrzunehmen und so zumindest besser einschlafen zu können. Unbestritten ist auch die positive Wirkung von sportlicher Betätigung, speziell in der freien Natur, womit nun auch endlich der Bogen gespannt wäre zum eigentlichen Thema das Blogs.
Bevor ich mich an meinen Laptop gesetzt habe, um diesen Beitrag zu formulieren, war ich zwei Stunden mit dem Rennrad im Sauwald unterwegs. Dringend nötig war diese kurze aber knackige Tour heute für mich, denn in den letzten beiden Tagen ging es in meinem Kopf recht wirr zu und auch der Tinnitus trug seinen Teil dazu bei, dass ich mich an diesem Wochenende nicht besonders ausgeglichen und glücklich gefühlt habe. Ein kurzer Kneipen/Clubbesuch am Samstag (der erste seit längerer Zeit) war diesbezüglich auch nicht sonderlich förderlich. Mehr will ich dazu gar nicht sagen. Außer vielleicht, dass ich schon beim Betreten der Camera festgestellt habe, dass ich mittlerweile definitiv lieber Samstagnacht mit Umberto am Gipfel des Rachel sitze, als an einer Theke und lieber mit Xavier Rudd im Ohr kurz vor Sonnenaufgang am Lusen von Stein zu Stein hüpfe, als betrunken auf der Tanzfläche darauf zu warten, dass um 4:45 Uhr das Licht angeschaltet wird.
Um die leichten Katererscheinungen infolge von ein paar wenigen Bieren und Schlafmangel (hinzu kommt die Zeitumstellung vermutlich) endgültig aus meinem Körper und vor allem aus meinem Kopf zu verbannen, musste also eine kleine Radfahrt her. Mir fehlte heute definitiv die Lust, mich und mein Mountainbike nach der Tour von Schlamm und Dreck zu befreien und so entschied ich mich für eine kleine aber feine Rennradrunde durch den Sauwald. Donauabwärts raus aus der Innstadt, am Bolzplatz rechts ab nach Haibach in Österreich und gleich wieder links den Berg rauf Richtung Freinberg. Schon an diesem ersten Anstieg war mir klar, dass das heute bitternötig war, um mich zu sammeln und meine Gedanken ein wenig zu ordnen. Spätestens nach dem kleinen Dorf Asing, wo man auf einer schmalen, recht unbefahrenen Straße dem welligen Profil in Richtung Esternberg folgt, wusste ich, warum ich mich heute auf den Weg gemacht hatte. Der Kesselbach plätscherte neben der Straße, die Waldvögel zwitscherten, die Gülle auf den Wiesen kündigte den Frühling an und das Rauschen des Fahrtwindes in meinen Ohren überdeckte die beim Sport ohnehin meist komplett in den Hintergrund tretenden Ohrgeräusche besser als jede Tinnitus-App. In Esternberg entschied ich mich die Runde noch bis nach Vichtenstein zu verlängern. Dort ging es nach einer kurzen Pause mit Blick auf die Burg und das Donautal in die Abfahrt runter zum Fluß und danach auf dem Radweg zurück nach Passau.
Zuhause angekommen war beileibe keine Wunderheilung eingetreten, aber wie sooft fühle ich mich nun nach einigen Kilometern im Sattel und einer anschließenden warmen Dusche doch um einiges besser als vorher. Morgen geht es für eine paar Tage zu einem Hüttenurlaub nach Werfen/Österreich. Dort erwarten uns vermutlich noch einmal Schnee und Kälte, aber vor allem hoffentlich ein paar erholsame Tage ohne Termine, Verpflichtungen und ohne Internet. Kein WhatsApp, kein Quizduell, kein Blog und vor allem keine nervigen Emails von Michele, Chief Semicolon Advocate von wordpress, die mir unbedingt gratulieren will, denn mein Blog „just got better“ und es sei jetzt höchste Zeit „to update my business card“ … kratz mich, Michelle …. bis bald, liebes Tagebuch!
Dein Naturbua
Daten zur Tour: Streckenlänge: 43 km Kilometer Anstieg: 666 hm Startpunkt/Endpunkt: Innstadt Passau Highlights: Kesselbach, Burg Vichtenstein, Donaublick Schwierigkeitsgrad: mittel (kurz aber wellig)
Tipp des Tages: U2 – Staring at the Sun (keiner der bekannten Songs der Band, aber gut, vor allem der Text).
